Über Selbständigkeit und Muttersein

Lange ist es ruhig hier gewesen, und es wird auch noch eine ganze Weile so bleiben. Warum? Weil mich seit dem Frühjahr ein kleines Menschlein sehr braucht. Viele Bekannte, erst recht meine Freunde und Verwandten wissen, daß ich ein ausgeprägter Familienmensch bin. Sie ist mein Hort, meine Heimat. Dazu gehört mein Mann, meine engsten Verwandten und – ganz genau – meine Kinder.

Was haben Kinder mit dem Artikeltitel zu tun? Sie sind meine Antwort auf eine Frage in einer Facebook-Diskussion. Dort wies Wibke Ladwig auf eine Frage von Steve Rückwardt hin, aus der sich ein Interview mit ihr ergab. Er wollte ursprünglich von Frauen wissen, ob sie sich selbständig machen würden und bei Nein, warum. Schnell ging es um Geschlechterunterschiede, ja oder nein. Aus aktueller Situation (ich bin ja selbständig und Mutter) ist meine klare Antwort, überlegen Sie es sich gut, denn es gibt ein paar harte Fakten, die es für Mütter nicht einfach machen.

Ja, ich könnte jetzt auf die Doppelbelastung bei arbeitstätigen Frauen hinweisen, die bei Selbständigen durch den Charakter ihrer Arbeit einen anderen Drall bekommt und zahlreich und kontrovers diskutiert wird. Aber wie Hausarbeit, Kindererziehung und Geld verdienen innerhalb der Familie verteilt wird, ist meiner Meinung nach eine individuelle Entscheidung des Paares.

Mir geht es hier um einen ganz konkreten Zeitpunkt, den eine selbständige Frau als Mutter erlebt und für sich gemeinsam mit dem Partner lösen muß. Es geht um den Anfang der Mutterschaft, um Schwangerschaft, Geburt und erste Zeit. Da ich diesen Zeitpunkt in meiner Selbständigkeit schon zweimal erlebt habe, bauen meine Worte auf konkreten Erfahrungen auf.

Schwangerschaft, Geburt, erste Zeit und Selbständigkeit verträgt sich nur dann gut, wenn entweder die Selbständigkeit ein Selbstläufer ist, der eine längere Pause gut verträgt, oder ein Partner zur Seite steht, über den die Familie finanziell abgesichert ist. Eine stolpernde Selbständigkeit und die Anfänge der Mutterschaft passen nicht zusammen. Eines wird scheitern.

Beispiele: treten während der Schwangerschaft gesundheitliche Probleme auf, die ein Arbeiten unmöglich machen (dies kann eine “Kleinigkeit” wie schwere Übelkeit, starke Vorwehen mit Bettruhe etc. sein), dann steht die Frau erst einmal vor dem beruflichen Aus. Die Arbeit muß aufgegeben werden. Es können keine Rechnungen geschrieben werden, kein Geld kommt herein. Vielleicht hat die Frau vorher eine entsprechende Krankenversicherung abgeschlossen, wo sie nach 6 Wochen Krankengeld erhält. Aber selbst dann muß sie eine Lücke von 6 Wochen (!!!) überbrücken. Im Grunde kann sie erst einmal komplett die Selbständigkeit ruhen lassen. Vielleicht bekommt sie noch ALG-II, vielleicht verdient der Partner aber auch so viel, daß sie nichts bekommt.

Eine selbständige Schwangere wird bis kurz vor die Geburt arbeiten. Die gute Nachricht für die Zeit danach, sie bekommt Elterngeld. Die schlechte: wenn sie Pech hat, zahlt sie drauf. Elterngeld wird nicht wie bei Angestellten nach den letzten 12 Monaten berechnet, sondern bei Selbständigen nach dem letzten Kalenderjahr. Wenn dieses finanziell schlecht war, bekommt die Frau entsprechend das Elterngeld. Konkreter: eine Frau bekommt im Dezember ihr Kind. Die Monate davor liefen richtig gut. Keine Probleme in der Schwangerschaft, konnte bis zuletzt arbeiten, hatte im Gegensatz zum Vorjahr richtig viele Aufträge mit sehr gutem Umsatz von durchschnittlich 3500 € pro Monat. Das Jahr vorher hingegen war mehr als mau. Da kam nur 1500 € im Durchschnitt als Verdienst pro Monat herein. Nun, nach was wird jetzt das Elterngeld berechnet? Ganz genau, nach dem schlechteren Vorjahr. Da kann man nur noch aufheulen und in die saure Zitrone beißen.

Aber die Geschichte geht noch weiter. Nein, das Ende ist noch lange nicht erreicht. Werden in diesem Fall Rechnungen erst nach der Geburt bezahlt, obwohl Rechnungslegung und Zahlungsziel vor der Geburt lag, also der Kunde säumig wurde, dann hat die Frau den Zappen. Denn dieses Geld zählt für die Elterngeldstelle als Einkommen während des Bezugs und wird gegengerechnet. In dem Falle hat die Frau einen realen finanziellen Verlust.

Es geht noch ein Stück weiter. Hat die Frau ein Gewerbe, Mitarbeiter, das während des Elterngeldbezuges weiterläuft, Umsatz und Gewinn macht, um beispielsweise die Mitarbeiter zu bezahlen, dann zählt dieses auch als Einkommen und wird gegengerechnet. Da bleibt dann nicht mehr viel oder überhaupt nichts über. Die Frau ist realiter die Verliererin. Über die finanzielle Belastung durch Ersatz ihrer fehlenden Wirtschaftskraft im Unternehmen haben wir dann noch gar nicht gesprochen.

Und wer als freier Mitarbeiter während der Elternzeit gekündigt wird, der hat einfach Pech. Denn den rechtlichen Kündigungsschutz während der Elternzeit gibt es nur für Angestellte. Eine frischgebackene Mutter als Freie hingegen bekommt man als Auftraggeber ohne großes Tara los.

Die nächste Hürde steht aber schon an. Wann steigt man als Selbständige wieder ein? Möglichst früh, nur möge dann der Rest mit spielen. Der Partner übernimmt Elternmonate. Die Mutter kompensiert die damit verbundene finanzielle Einbuße mit ihrer Arbeit (halbwegs). Und das Kind sollte dann auch noch einigermaßen mitmachen. Es sollen ausgeprägte Mutterkinder geben, habe ich gehört ;-).

Und später, wenn die Kleinen größer sind? Dann geht die Sorge um den Betreuungsplatz los. Bekommt man einen zum Wunschtermin vor Ort? Selbst hier im Osten, wo Krippen Tradition haben, mangelt es massiv. Da hapert es aktuell an allen Ecken und Enden schon qualitativ. Ich rede da hier noch nicht von pädagogischen Wunschkonzepten.

Denn ohne auswärtige Betreuung eines Kleinkindes ist ein Arbeit unmöglich. Denn Ruhe und Zeit hat man dann nicht. Und nicht jeder Kunde will seine Arbeit in den Nachtstunden erledigt haben bzw. ein ausreichendes Maß an Schlaf ist sowieso notwendig.

Von anderer Seite winkt ein weiteres Problem herüber, das gelöst werden muß. Die Akquise. Kamen die Aufträge schon vor der Geburt fast wie von selbst herein, ist die Chance groß, daß es ähnlich weiter geht. Aber solche Fälle sind selten. Eher muß die Selbständige stetig akquirieren. In vielen Fällen zählen der Besuch von Konferenzen, Messen, Treffen zur Netzwerkbildung hinzu. An dieser Stelle fängt die große Organisation innerhalb der Familie an. Letztlich wird die Frau viele Abstriche machen müssen. Jede  Veranstaltung, die vielleicht notwendig wäre, kann sie nicht wahrnehmen.

Was ist mein persönliches Fazit? Selbständige und Mutter kleiner Kinder ist eine echte Herausforderung. Wer schon mit der Selbständigkeit an sich sich schwer tut, wird unweigerlich in dieser Situation scheitern. Und die anderen? Hohe Belastung, noch mehr Unsicherheiten. Nur wird man meist selbständig, wenn auch die Zeit der Familienplanung anklopft. Da heißt es am Ende, Prioritäten setzen, zu ihnen zu stehen und nicht neidisch nach links und rechts gucken. Denn alles zur gleichen Zeit kann man nicht haben! Nur so bleibt die Seele heil, und es wird gut, egal wie man sich entscheidet.

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Über Wenke Bönisch

Wenke Bönisch arbeitet heute nach einer beruflichen Station in einem Wissenschaftsverlag (Autorenbetreuung, Satz und Social Media) als Freiberuflerin u. a. für den Ulmer Verlag (http://socialmedia.ulmer.de), für die Frankfurter Buchmesse sowie für den Digitalisierungsdienstleister Editura (http://editura.de) im Social Media Bereich. Neben Social Media beschäftigt sie sich mit den Themen elektronisches Publizieren, Wissenschaft, Open Access und Neue Medien. Zu ihren entsprechenden Projekten hält sie dazu auch Workshops, Vorträge und Seminare. Unter den Namen @digiwis (http://twitter.com/digiwis) twittert sie (fast) täglich. Auf ihrer Website http://digiwis.de bloggt sie zu ihren Tätigkeitsschwerpunkten.
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3 Antworten auf Über Selbständigkeit und Muttersein

  1. Danke für Deinen Erfahrungsbericht. Eine schöne Ergänzung. :)

  2. Lucas sagt:

    Ich bin zwar nicht selbstständig, aber das Thema Arbeit und Familie beschäftigt mich als junger Vater dennoch oft. Es gibt einige Punkte, die tatsächlich ausschließlich Frauen betreffen, so die Frage der Krankenversicherung / Krankengeld während des Mutterschutzes. Auch bei anderen Punkten möchte ich gar nicht leugnen, dass hier statistisch gesehen vor allem Frauen betroffen sind und, sicher, es ist dein persönlicher Bericht, den du aus der Perspektive als Frau schreibst.

    Dennoch würde ich mir wünschen, dass solche Themen stärker unter dem Thema “Elternschaft” behandelt würden, denn die meisten Punkte, die du nennst betreffen Männer prinzipiell genauso – oder besser: sollten Männer ebenso betreffen. Wenn Herausforderungen wie die Betreuung des/der Kinder/s unter der Überschrift des “Mutterseins” besprochen werden, legt das nahe, dass es sich hier um ein spezifisch weibliches Problem handelt, das es aber meines Erachtens nicht sein sollte.

    • Wenke Bönisch sagt:

      Ja, Männer kommen in dieser ganzen Diskussion oft zu kurz. Sie letztlich auf die Rolle “Geldverdiener” zu reduzieren, entspricht nicht ihren Wünschen und der Lebensrealität. Nur dieses Feld hier aufzumachen, würde den Artikel sprengen ;-).
      Wo Männer naturgemäß außen vorbleiben, liegt im Zeitabschnitt Schwangerschaft, Geburt und erste Zeit danach. Ich lasse jetzt die Diskussionen um Stillen usw. mal außen vor. Definitiv ab Kleinkindalter sind Väter genauso gefragt und auch erwünscht. Nur schaut es in der Realität ja so aus, daß Männer mehr Lohn/höheres Einkommen haben. Deswegen haben sie die Rolle des Geldverdienens, die Frau der Kinderbetreuung. Denn beide Aufgaben stehen innnerhalb der Familie (!!!) an und müssen von beiden gemeinsam (!!!) an einem Strang gelöst werden. Natürlich gibt es da auch andere Wege, wenn beide damit einverstanden sind.

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