Praxisleitfaden für den Umgang mit Medien: Rezension zu “Medientraining” von Christian Schmid-Egger

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Journalisten und – neuerdings – Blogger sind für die PR/Öffentlichkeitsarbeit ein wichtiger, aber auch oft gefürchteter Partner. Wichtig ist klar. Sie sind das Sprachrohr in den Medien, im besten Fall berichten sie positiv über eine neue wissenschaftliche Entdeckung, interviewen, senden Fernseh- oder Radiobeiträge über ein Unternehmen, eine Neuerscheinung usw.

Andererseits fürchten viele Mitarbeiter in den Pressestellen, in Unternehmen, aber auch Wissenschaftskommunikatoren die Kraft der Journalisten in Krisenzeiten. Wie geht man mit ihnen um, wenn ein Shitstorm über das Unternehmen, die Institution, den Wissenschaftler hereinbricht? Wollen Journalisten nicht per se immer eine schlagkräftige Nachricht haben, um ihre Leser zu informieren, zu unterhalten? Suchen Journalisten nicht immer das Schlechte, den verdeckten Mißstand? Ist der Journalist eventuell sogar jemand, den ich immer mißtrauisch im Auge behalten sollte? Und wie gehe ich mit ihm  um?

Aus solchen Gedanken, Fragen liest man in erster Linie große Unsicherheit heraus. Kein Wunder, denn viele Mitarbeiter im Wissenschaftsbereich, in Unternehmen, ja in Pressestellen haben kaum eine fundierte Ausbildung im Umgang mit Journalisten. Manche eignen sich die Kommunikation durch learning-by-doing an, was dann schwierig wird, wenn es zu Krisensituationen kommt und sie selbst nicht mehr aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz Rat schöpfen können.

Literatur zum Medientraining gibt es viele, manche speziell für Wissenschaftler wie “Wissenschaft in den Medien präsentieren” von Sabine Trepte, Steffen Burkhardt, Wiebke Weidner. Nun hat letzten Herbst Christian Schmid-Egger sein Praxisbuch “Medientraining” im UVK vorgelegt. Selbst arbeitete er nach einem Agraringenieurs- und Journalistikstudium in der Kommunikationsabteilung eines internationalen Pharma- und Agrarunternehmens. Seine Zielgruppe umfaßt Mediensprecher, Mitarbeiter in Pressestellen, Experten aus dem Wissenschaftsbereich oder aus Institutionen, Menschen, die im öffentlichen Lampenlicht stehen (Künstler, Sportler, Politiker), Bürger, die sich selbst in den Medien beispielsweise mit einem Blog oder auf Youtube bewegen. Bis auf die erste Gruppe kennzeichnet alle zusammen der Laienstatus gegenüber Journalisten, ihre große Unsicherheit im richtigen Umgang. Daher kann der Autor sie alle gemeinsam mit seinem Buch ansprechen, denn die Ausgangsbasis ist gleich.

Logisch und Schritt für Schritt führt Schmid-Egger die Leser an das Thema heran. In den ersten vier Kapiteln erläutert er den heutigen Zustand der Medienwelt, die Veränderungen, die Arbeits- und Sichtweise der Journalisten und die Entstehung der einzelnen Beiträge in den diversen Medienformaten wie Fernsehen, Print oder Radio. Den Einstieg hat er geschickt gewählt, denn nur wer weiß, wie sein gegenüber tickt, arbeitet, welcher Druck auf ihn lastet, kann Reaktionen und Erwartungen besser einschätzen. Er bringt also den “Journalisten” seiner Zielgruppe näher. In dieser Ausführlichkeit ist das Kennenlernen in einem Praxisbuch noch nicht behandelt worden, es zeichnet also das Buch gleich zu Anfang aus.

Dann geht es für die Zielgruppe ans Eingemachte. Punkte wie Führen eines Interviews, Sprache, Ausdruck, Inhalte, Umgang mit schwierigen Fragen, Krisenkommunikation, Teilnahme an Talkshows, Körpersprache nutzen, Umgang mit Lampenfieber, Medienauftritte im Internet (leider beschränkt es sich nur auf Youtube, Podcast und andere Formate werden ausgelassen) sowie Rechte und Pflichten stehen in den nächsten Kapiteln im Mittelpunkt.

Was ist das Positive am Buch?

Überzeugend und das Buch tatsächlich auszeichnend ist der stetige Praxisbezug und die Einbeziehung der Erfahrungen des Autors. Man merkt seinen Ausführungen an, daß er kein Theoretiker ist, sondern selbst die Erfahrungen im Umgang mit Journalisten gemacht hat. Seine journalistische Ausbildung kommt dann der Ausgewogenheit in dem Verhältnis PR/ÖA-Presse zu gute. Viele praktische Hinweise, die realistisch und konkret (!) in der Umsetzung sind, streut Schmid-Egger in seinen Text.

Darüber hinaus ist der Schreibstil flüssig, klar, konzentriert und sachlich. Abschweifende Ausführungen, die verwirren oder den Leser sogar langweilen können, fehlen zum Glück. Der gewählte Sprachstil hilft dem Leser, sich auf den Inhalt zu konzentrieren – genau wie es bei einem guten Text sein soll.

Als dritten, positiven Punkt möchte ich das Zusatzmaterial nennen. Ausgewählte Beispielvideos, -interviews, -auftritte hat Schmid-Egger auf der Webseite www.erfolgreiches-medientraining.de aufgelistet. Die dort gezeigten Videos laufen alle auf Youtube. Ein Bedenkenhinweis in dieser Sache: auch wenn Youtube für Videobeispiele etc. eine gute Materialquelle ist, kann dieser Weg langfristig problematisch werden. Denn eine Langzeitarchivierung ist nicht gegeben. Wenn ein Video von den eigentlichen Kanalbetreibern gelöscht wird, fehlt es für das Buch.

Was stört mich am Buch bzw. was fehlt mir?

Auch wenn im Vorwort und in der Einleitung auf den Wandel in der Medienlandschaft durch das Social Web vermehrt hingewiesen wird, so spielt Social Media in all seinen journalistischen Spielformen im Verlauf des Buches nur eine marginale Rolle. Hier hätte ich mir mehr erwartet, weil das Social Web auch für Journalisten in den letzten Jahren bedeutend geworden ist: sei es als Quelle, sei es als Verbreitungskanal, sei es wegen der dort geführten Diskussionen (siehe Krisenkommunikation und Shitstorm).

Ebenso werden Blogger als “neue Journalisten” nicht behandelt. Blogs wie Spreeblick, netzwertig oder einzelne Nischenblogs haben in der öffentlichen Meinung einen Stellenwert, der nicht unterschätzt werden darf. Jedoch fehlt immer noch ein Praxisleitfaden, wie PR/ÖA/Mediensprecher mit ihnen professionell umgehen sollen. Sich allein auf Journalisten zu besinnen, ist angesichts des derzeitigen Wandels in der Medienlandschaft rückständig.

Fazit: Insgesamt ist dieses Buch ein tatsächlicher Praxisführer im Umgang mit (traditionellen) Medien, das sich vor allem durch seinen hohen Praxisbezug, durch die eingeflossenen Erfahrungen des Autors, durch seinen guten Schreibstil und durch seine vielen umsetzbaren Tipps auszeichnet.

 

Sehr schön ist, daß UVK auf ihrer Webseite eine Leseprobe des Buches zur Verfügung stellt.

Christian Schmid-Egger: Medientraining, Konstanz, München 2013, 222 Seiten, ISBN: 978-3867643757, Print: 24,99 €.

Das Buch ist bei jedem Buchhändler erhältlich. Mit dem Kauf über Amazon unterstützen Sie diesen Blog:

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Über Wenke Bönisch

Wenke Bönisch arbeitet heute nach einer beruflichen Station in einem Wissenschaftsverlag (Autorenbetreuung, Satz und Social Media) als Freiberuflerin u. a. für den Ulmer Verlag (http://socialmedia.ulmer.de), für die Frankfurter Buchmesse sowie für den Digitalisierungsdienstleister Editura (http://editura.de) im Social Media Bereich. Neben Social Media beschäftigt sie sich mit den Themen elektronisches Publizieren, Wissenschaft, Open Access und Neue Medien. Zu ihren entsprechenden Projekten hält sie dazu auch Workshops, Vorträge und Seminare. Unter den Namen @digiwis (http://twitter.com/digiwis) twittert sie (fast) täglich. Auf ihrer Website http://digiwis.de bloggt sie zu ihren Tätigkeitsschwerpunkten.
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