Quo vadis Open Access?

Logo von Open Access, Quelle: http://open-access.net

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Letzte Woche fand Dienstag und Mittwoch die Open Access Tage 2013 (OAT13)in Hamburg statt. Diese wichtige Themenveranstaltung wurde von der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg und der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft organisiert. Ein Blick auf die Teilnehmerliste zeigt, daß sich (wieder mal) die gesamte “deutsche Open Access Szene” dort versammelt hat. Selbst konnte ich nicht vor Ort sein, hatte aber die Gelegenheit per Livestream (endlich – großes Lob!) zahlreiche Vorträge und Diskussionen zu verfolgen. Ich hoffe und sehe es eigentlich auch für Open Access als selbstverständlich an, daß der Livestream auch aufgezeichnet und bald zum Nachschauen, im besten Fall auf Youtube, um die Videos auch auf anderen Blogs und Webseiten einbinden zu können, zur Verfügung stehen. Nach Informationen der Veranstalter muß dies mit den Teilnehmern noch abgesprochen werden. Wie gesagt, wer für Open Access ist, sollte auch für die zur Verfügung Stellung der Videos meiner Meinung nach sein.

Frau Prof. Dr. Gabriele Beger, Direktorin der SUB Hamburg und somit auch Gastgeberin der OAT13 meinte bei ihrer Begrüßungsrede, der Entwicklungsstand von Open Access in Deutschland wäre gar nicht so schlecht, das Glas wäre halb voll, auch wenn nur 5 % der Wissenschaftler weltweit Open Access publizieren würden. Ehrlich gesagt, sehe ich das etwas anders. Ich würde den jetzigen Zustand als Ernüchterung bezeichnen, der für mich oft auch Stillstand bedeutet. Ich habe das Gefühl, daß in den letzten 4-5 Jahren, seit ich mich intensiv mit Open Access beschäftige, es nicht zum immer wieder erhofften und propagierten Publikationswechsel in der Wissenschaft kam. Open Access hat heute nicht mal im Ansatz das traditionelle Veröffentlichen verdrängt, ja, es ist nicht mal eine wirklich ernsthafte Konkurrenz, wenn man sich die Zahlen anschaut.

Natürlich sind Wissenschaftler Open Access aufgeschlossen. Natürlich publizieren Wissenschaftler Open Access, keine Frage. Jedoch in der Regel dann – und dies wurde auf den OAT13 wieder einmal sehr deutlich gemacht, wenn sie bereits etabliert sind, entsprechende Beiträge in den renommierten Zeitschriften nachweisen können, mit einer unbefristeten Stelle wirtschaftlich abgesichert sind, und es sich somit “leisten” können, experimentelle Wege bei der Veröffentlichung hinsichtlich der Akzeptanz unter den Fachkollegen und den Auswirkungen aufs Renomee etc. gehen zu können. Nachwuchswissenschaftler, die sich erst noch behaupten müssen, publizieren eher traditionell, auch wenn sie für Open Access offen sind und es unterstützen. Warum? Eben wegen des Unsicherheitsfaktors Auswirkung auf Karriere, Festanstellung, Reputation.

Es ist eine Zwickmühle, in der die Open Access Bewegung steckt. Die Diskrepanz zwischen ideeller Unterstützung und tatsächlicher Nutzung ist riesig. Es braucht dann keine Worte mehr, wenn der Keyspeaker, Herr Prof. Dr. Justus Haucap, Open Access Befürworter, auf den OAT13 öffentlich zugibt, seinen Doktoranden mitteilt, auf Open Access zu verzichten und stattdessen den traditionellen Publikationsweg empfiehlt – eben aus den oben genannten Gründen. Später können sie ja immer noch Open Access publizieren.

Also ein Hauptgrund für die Stagnation in der Open Access Bewegung ist der fehlende Mut bei den Wissenschaftlern selbst, neue Wege zu gehen. Da wird über “total-buy-out”, über hohe Publikationsgebühren, über den Impact Factor gejammert, in den Pausengesprächen auf Konferenzen und immer dann, wenn es paßt, Open Access befürwortet, aber nur wenige tun es oder ermuntern sogar ihre Nachwuchswissenschaftler. Das Hemd ist am Ende doch näher als die Hose, bleibt als Fazit zu ziehen.

Ein weiterer Hauptgrund für den Stillstand sehe ich in den Mitgliedern der Bewegung. Ein Blick auf die Teilnehmerliste der OAT13 zeigt sehr deutlich, was ich meine. Die Open Access Community in Deutschland ist hauptsächlich in der Bibliothekarswelt angesiedelt. An Bibliotheken sind die Stellen der Open Access Beauftragen geschaffen. Oft sind es Bibliotheken, die Publikationsfonds für Open Access bereit stellen. Bibliothekare diskutieren in der Open Access Mailingliste, auf Blogs oder treffen sich bei den Open Access Tage oder Wochen. Sie bestimmen die jeweils aktuellen Diskussionsinhalte. Natürlich kommen da auch ein paar Wissenschaftler vor. Aber Verlage oder andere Vertreter sieht man kaum.

An sich ist die Dominanz der Bibliothekare kein Problem, denn es waren sie selbst, die die Bewegung ins Leben gerufen haben. Jedoch führt, so mein Empfinden der letzten Monate, diese Dominanz in eine eigene, abgeschlossene Welt. Es sind immer wieder die gleichen Leute, denen man begegnet, die eine ganz bestimmte Sprache, ganz bestimmte Codewörter und ganz bestimmte Diskussionsinhalte haben. Da geht es um technische Dinge hinsichtlich der Gestaltung von Repositorien, die die Wissenschaftler, die letztlich die Inhalte bereit stellen sollen, überhaupt nicht interessiert. Da geht es um heftig geführte Diskussionen hinsichtlich der Lizenzgestaltung, vor allem von Creative Commons, die bis ins kleinste Detail und Interpretationsästelchen geführt werden, die an den Bedürfnissen und Wünschen der Wissenschaftler vorbei führen. Wird von letzteren mal ein Wunsch, Ängste oder Bedürfnisse formuliert, beispielsweise die Angst vor kommerzieller Nutzung bei CC-Lizenzen und der Wunsch nach restriktiver Auslegung, wird dieser mit dem Hinweis CC-by ist die wahre Open Access Lizenz, nichts anderes hat daneben bestand, beiseite gewischt. Und der Wissenschaftler steht wieder alleine da, ohne wirklich in seinen Bedürfnissen ernst genommen worden zu sein.

Ja, es braucht die Diskussionen um die Lizenzen. Ja, es braucht die Diskussionen um den besten technischen Weg. Nur sollten diese nicht so geführt werden, daß sie auf einmal als Barrieren für eine Nutzung von Open Access da stehen, weil der Wissenschaftler sich überfordert abwendet.

Die Open Access Bewegung hat es also bisher nicht geschafft, die Wissenschaftler tatsächlich zu begeistern. Sie hat sie nicht abgeholt. Der Open Access Community ist dieses Problem sehr wohl bewußt, denn es wurde auf den OAT13 oft genug angesprochen. Jedoch – so mein Eindruck – weiß keiner eine Lösung, wie diese Stagnation aufzubrechen ist. Das Gefühl, Open Access befindet sich am Anfang einer Sackgasse, kam bei mir immer öfters hoch.

Welche Lösungen sind denn möglich?

Da wird nach den Forschungsgesellschaften gerufen, die ihre Mittelvergabe künftig noch stärker an Open Access Bedingungen verknüpfen soll, ja vielleicht sogar als unabdingbare Voraussetzung zu machen. Ich vermute angesichts der letzten Jahre, daß dieser Weg mehr beschritten wird. Es wird die Zeit kommen, in der beispielsweise die DFG Drittmittel nur zu Verfügung stellt, wenn die Forschungsergebnisse zumindest im Open Access des grünen Weges publiziert wird. Natürlich gibt es zur Zeit noch in den Gesellschaften selber Widerstand gegen so einen Zwang. Das Argument der durch das Grundgesetz rechtlich festgesetzten Entscheidungsfreiheit in der Publikation spielt meines Erachtens eine wichtige Rolle, die in einer liberalen Gesellschaft keineswegs einfach beiseite gewischt werden soll.

Wissenschaftler müssen tatsächlich ganz konkret praktisch für Open Access abgeholt werden, damit es nicht beim Lippenbekenntnis bleibt. Wissenschaftler publizieren selten altruistisch, sondern vielmehr aus Reputationsgründen, hinter denen ganz handfeste wirtschaftliche Absicherungsgründe stehen. Dieses Bedürfnis muß befriedigt werden, um Open Access tatsächlich zu praktizieren. Spannend fand ich da das Projekt der SLUB der Rechteberatung. Genau der pragmatische Ansatz, den Wissenschaftler fordern, ist hier erfüllt. Jeder TU-Wissenschaftler, der seine Veröffentlichungen auf Qucosa bereit stellen will, kann das “Rund-um-Sorglos-Paket” der SLUB in Anspruch nehmen. Die Bibliothek prüft, welcher Verlag den Wunsch rechtemäßig erfüllt. Teilweise werden die Beiträge sogar noch einmal digitalisiert und letztlich dann hochgeladen. Der Wissenschaftler hat Open Access publiziert, ohne sich im Rechtedschungel und in der Auseinandersetzung mit den Verlagen zu verlieren, über das er in der Regel weder Kenntnisse noch die dafür notwendige Zeit und Infrastruktur verfügt. Zudem ist es eben etwas anderes, wenn eine große Staatsbibliothek bei Verlagen zwecks Zweitveröffentlichung anfragt, die über Rechtskenntnisse und Erfahrung verfügt, als jedes Mal ein einzelner Wissenschaftler. Das spart auch Zeit und Ressourcen bei den Verlagen. Zudem entsteht durch das Anfragen der öffentlichen Institution ein größerer Druck auf die Verlage, sich positiv zu äußern, als bei einer Einzelperson.

Für mich ist dieser Service der SLUB in Dresden, den auch andere Bibliotheken vereinzelt anbieten, ein pragmatischer, praktischer Weg für Open Access. Solche Lösungen sehe ich gerne mehr.

Als dritten Punkt, wieder mehr Bewegung in Open Access zu bringen, möchte ich die Eigenverantwortung der Wissenschaftler nennen. Wagt es endlich mehr, anstatt nur theoretisch zu jammern, auch praktisch mal auszuprobieren. Ja, hier müssen wir Wissenschaftler uns selbst an die Nase greifen. Wir selbst sind auch mitschuldig, daß Open Access nicht das Potential bisher entfaltet hat, wie es eigentlich sein sollte. Hier braucht es vor allem die Unterstützung der etablierten Wissenschaftler, ihren Nachwuchs wirklich zu ermuntern und zu unterstützen. Open Access mit uns Wissenschaftlern als Hauptakteure kann zum Großteil nur von innen belebt werden.

Letztlich hängt diese Entwicklung von dem Heranwachsen einer neuen Generation ab, die mit dem elektronischen Publizieren, seinen Vorteilen und seinen neuen Perspektiven, welche Faktoren neben der Zitation noch bei der Reputationsbildung eine Rolle spielt (Stichwort Altmetric) selbstverständlich aufgewachsen sein wird. Bis diese Generation tatsächlich da ist, vergehen noch einige Jahre.

Zum Schluß möchte ich dafür auch plädieren, auf die Wünsche, Ängste, Hinweise all derjenigen, die neu zur Open Access Community hinzustoßen, genau hinzuhören und nicht einfach beiseite wischen. Somit stoßen wir sie vor den Kopf, statt sie zu integrieren. Und wir sollten uns auch nicht in die letzten Verzweigungen in den Diskussionen verrennen. Denn dabei bleiben oft einige Open Access Befürworter auf der Strecke, die sich eben nicht in allen Diskussionssträngen bis ins kleinste Detail auskennen. Aber genau sie sind die Vermittler zu der übrigen Masse, die neutral bis abwehrend gegenüber Open Access stehen.

Wir sollten auch aufhören, Open Access per se als das Gute, traditionelles Publizieren per se als das Schlechte zu stilisieren. Wie der Science Artikel über Fake-Artikel in Open Access Zeitschriften zeigt, glänzt eben nicht alles, was das Label Open Access trägt. Es ist ein Weg des Publizierens, dem zumindest mit dem traditionellen Publizieren heute ein weiterer gleichberechtigt gegenüber steht. Wenn dieser Grabenkampf gut vs. böse und damit auch einhergehend eine gewisse Stigmatisierung der handelnden Vertreter der jeweiligen Richtung aufhört, erst dann wird Open Access wieder mehr Schwung aufnehmen.

Open Access ist jetzt an dem Punkt angelangt, den jede Erneuerung erreicht. Nach anfänglicher Begeisterung kommt das Tal der Ernüchterung. Erzwungener, schon fast propagandistischer Positivismus hilft jetzt nicht. Jetzt geht es um die praktische Form, ans Ärmel hochkrempeln und experimentieren, was wie funktionieren kann. Da wird es Fehler und Fehlentwicklungen geben. Aber nur so kann man wirklich Erfahrungen sammeln. Der Weg von Open Access zur akzeptierten und genutzten Publikationsform hat erst begonnen. Letztlich ist das Glas eben doch noch nicht halb voll. Das Wasser bedeckt den Boden.

 

 

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Über Wenke Bönisch

Wenke Bönisch arbeitet heute nach einer beruflichen Station in einem Wissenschaftsverlag (Autorenbetreuung, Satz und Social Media) als Freiberuflerin u. a. für den Ulmer Verlag (http://socialmedia.ulmer.de), für die Frankfurter Buchmesse sowie für den Digitalisierungsdienstleister Editura (http://editura.de) im Social Media Bereich. Neben Social Media beschäftigt sie sich mit den Themen elektronisches Publizieren, Wissenschaft, Open Access und Neue Medien. Zu ihren entsprechenden Projekten hält sie dazu auch Workshops, Vorträge und Seminare. Unter den Namen @digiwis (http://twitter.com/digiwis) twittert sie (fast) täglich. Auf ihrer Website http://digiwis.de bloggt sie zu ihren Tätigkeitsschwerpunkten.
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9 Antworten auf Quo vadis Open Access?

  1. Heinz sagt:

    Die Einschätzungen “Stillstand” oder “propagandistischer Positivismus” kann ich absolut nicht nachvollziehen. Es ist ohne Frage ein mühsamer Prozess Open Access voranzutreiben. Aber es tut sich doch so einiges. Nicht vergessen werden darf, dass wir uns in einem Feld mit über mit über 25.000 Zeitschriften und 1,5 Millionen Artikel pro Jahr befinden.

    Wenn ich mich an die ersten Open-Access-Tage 2007 in Konstanz erinnere, dann hat die Diskussion doch ganz deutlich an Reife gewonnen. Und alleine all die Entwicklungen die wir bisher in 2013 erlebt haben: Obama-OA-Directive [1], G8-Open-Access-Statement [2], Zweitverwertungsrecht [3]; um nur ein paar Beispiele zu nennen. Da passiert doch einiges!

    Nur 5%? Ich kenne diese Quelle nicht. Meine Quellen nennen andere Zahlen: 2009 waren rund 20 % aller Artikel, die 2008 in JCR‐Zeitschriften erschienen sind, frei zugänglich. 8,5 % der Artikel wurden auf Verlagsplattformen zugänglich gemacht und 12 % via self-archiving (Björk et al. 2010). (Weitere interessante Zahlen finden sich bei Björk et al. 2013. S. 12 im Preprint). Eine aktuelle Studie für die EC kommt sogar auf 48 % freizugängliche Papers (Archambault et al. 2013)! (Generell erscheint mir die Methode von Björk et al. 2010 verlässlich.)

    Meine Einschätzung fällt völlig anders aus: Es gibt so viel Bewegung wie noch nie und von einem “propagandistische[n] Positivismus” ist wenig zu spüren. Dafür gibt es viele mühsamem aber auch sehr spannende und überaus notwenige Detaildiskussionen.

    Quellen:

    [1] http://wisspub.net/2013/02/22/obama-verankert-open-access-in-der-us-forschungsforderung/
    [2] http://wisspub.net/2013/06/13/g8-staaten-verabschieden-open-access-statement/
    [3] http://wisspub.net/2013/09/20/bundesrat-billigt-zweitverwertungsrecht/

    Archambault, É., Amyot, D., Deschamps, P., Nicol, A., Rebout, L., & Roberge, G. (2013). Proportion of open access peer-reviewed papers at the European and world levels – 2004-2011. Montréal. Retrieved from http://www.science-metrix.com/pdf/SM_EC_OA_Availability_2004-2011.pdf

    Björk, B.-C., Laakso, M., Welling, P., & Paetau, P. (2013). Anatomy of Green Open Access. Preprint. Journal of the American Society for Information Science and Technology. Retrieved from http://www.openaccesspublishing.org/apc8/Personal VersionGreenOa.pdf

    Björk, B.-C., Welling, P., Laakso, M., Majlender, P., Hedlund, T., & Gudnason, G. (2010). Open access to the scientific journal literature: situation 2009. PloS ONE, 5(6), e11273. Retrieved from http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0011273

  2. Claudie Paye sagt:

    Vielen Dank, liebe Frau Bönisch, für Ihre ernüchtert-aufmunternden Worte zu den OAT13!
    Zum Punkt Experimentieren mit dem Publizieren im Open Access kann ich über meinen eigenen Versuch als Historikerin hier kurz berichten:
    Die Publikation meiner Doktorarbeit habe ich Anfang 2013 über zwei Wege realisiert – Open Access und traditionell als Buch –, indem ich zwei Kapitel der Doktorarbeit entnommen habe, die ich ausschließlich online im französischen Repositorium Hal-SHS, archives ouvertes „Hyper Article en Ligne – Sciences de l’homme et de la société“ bereitgestellt habe. In der dafür eingerichteten collection unter Hal-SHS http://halshs.archives-ouvertes.fr/PLCI-NAPOLEON habe ich auch zwei ältere Aufsätze zweitveröffentlichen können.

    Diese beiden Online-Kapitel meiner Doktorarbeit umfassen ca. 200 Seiten, was mir zum einen erlaubte, beim Überarbeiten der Qualifikationsschrift im Hinblick auf die Publikation den Schwerpunkt auf sinnvolle Ergänzungen statt auf Kürzungen zu legen (Monographie 600 S.). Zum anderen konnte ich in den „ausgelagerten“ Online-Kapiteln Farbabbildungen unterbringen, die aus Platz- und Kostengründen in der gedruckten Monographie nur schwarz-weiß geraten wären.

    Inhaltlich war dieser Schritt möglich, da ich in meinem zweiten Hauptteil die Kommunikation im Königreich Westphalen (1807–1813) nach Medientyp kapitelweise analysiert habe. So ließen sich leicht und ohne Bruch in der Argumentation zwei Bausteine zur Briefkultur und zur Gerüchteküche herausnehmen. In der gedruckten Monographie habe ich reichlich auf die Online-Kapitel verwiesen und umgekehrt auch, so dass die Verbindung zwischen beiden Teilen trotz der unterschiedlichen Publikationsmodi besteht.

    Ich hoffe, dass beide Teile der Arbeit, der gedruckte wie der online publizierte, gleichermaßen Interesse finden. Anhand der Zugriffe auf die Online-Kapitel kann ich zumindest nachvollziehen, dass die Online-Kapitel annähernd so viele Leser finden (1349 Zugriffe auf die allgemeinen Infos zu den Kapiteln – 191 Download der PDF-Dateien) wie Exemplare der Doktorarbeit (Auflagehöhe 400 Exemplare – auf Lager noch 86 Exemplare) tatsächlich bisher verkauft wurden. Ich lege dies so aus, dass der Echoeffekt zwischen den Online-Kapiteln und der gedruckten Monographie funktioniert. Das Buch ist unter dem Titel „‚Der französischen Sprache mächtig‘. Kommunikation im Spannungsfeld von Sprachen und Kulturen im Königreich Westphalen 1807-1813“ in der Reihe Pariser Historische Studien erschienen: Aufgrund der Vereinbarung zwischen dem Herausgeberinstitut, dem Deutschen Historischen Institut Paris, und dem Oldenbourg Wissenschaftsverlag wird das Buch drei Jahre nach Veröffentlichung ohnehin Open Access im Rahmen der Publikationsplattform perspectivia.net (http://www.perspectivia.net/content/publikationen/phs) bereitstehen.

    Um das Online-Angebot rund um meine Doktorarbeit vielfältiger zu gestalten, habe ich als neues Projekt einen Quellenblog unter hypotheses.org eingerichtet – gemeinschaftlich, d.h. offen für alle, die Quellen zur napoleonischen Ära in den deutschen Landen beisteuern möchten. Dort habe ich die Möglichkeit, nach und nach Quellenposts mit transkribierten Quellen zu veröffentlichen, die ich im Rahmen meiner Forschungen für die Doktorarbeit verwendet habe:
    http://naps.hypotheses.org/

    Sind Ihnen vergleichbare Experimente – auch aus anderen Fächern – bekannt?

  3. Ulrich Herb sagt:

    Als Mensch, der Open Access (so denke ich) positiv und kritisch begleitet, kann ich mich den Aussagen in diesem Posting nicht recht anschließen. Die Pfade von Open Access sind etabliert und es tut sich auf diesen Pfaden viel (alleine die Präsenz des Themas in den Programmen der Parteien ist frappierend und Heinz nennt auch einige andere Veränderungen). Ich habe ja selbst die Klassenfahrtsstimmung bei den OA-Tagen mal kritisiert, aber diese Wahrnehmung rührt vielleicht auch daher, dass ich mich stärker als andere Teilnehmer als Wissenschaflter sehe und mir mehr Forschung & Analyse wünschen würde und generell immer *mehr* will. Aber es müssen sich nicht andere nach meinen Wünschen richten und somit habe ich das Thema abgehakt. Trotzdem wäre ich froh, die Open-Access-Tage würden mich weniger an die Bibliothekarstage erinnern. Zurück zu den Pfaden: Im Open Access passiert viel, einiges eben sehr pfadabhhängig, das könnte man vielleicht schon kritisieren (Dominanz naturwissenschaftlicher Paradgima, Unterhöhlung von OA durch Finanzierungspraktiken konventioneller Verlage), aber z.B. die Geisteswissenschaftler positionieren sich zu Open Access zu wenig – ich finde gerade dort könnte mehr passieren und die Trägheit in dieser Thematik verschulden teils auch die Geisteswissenschaften. Kurzum: ich finde Stillstand ist /generell/ nicht festzustellen, vielleicht ist die Bewegung bisweilen etwas monoton, aber das kann auch Ausdruck der Verstetigung sein.

    Zum Science-Artikel, er sicher eine Reflexion zur Folge haben sollte, muss sich aber vergegenwärtigen, dass er Open Access diskreditierende Resultate mutwillig produziert, s. http://albertopen.telegrafenberg.de/?p=840 und ausführlicher http://www.heise.de/tp/artikel/40/40056/1.html

  4. Wenke Bönisch sagt:

    Hier stoßen Innen- und Außensichten aufeinander. Interessant war doch an den OAT13 die immer wieder gefallenen Hinweise, wie wenig die Bibliotheken, die an Open Access hauptsächlich Interesse haben und Akteure im Feld sind, die Wissenschaftler erreichen.
    - Wenn in der Abschlußdiskussion erzählt wird, daß der Open Access Beauftragte regelmäßig Veranstaltungen zum Thema anbietet, die kaum besucht werden
    - wenn der Keynote-Speaker (!) auf einer Konferenz zum Thema als OA-Befürworter öffentlicht zugibt, daß er seinen eigenen Doktoranden OA nicht empfiehlt (!),
    dann läuft meiner Meinung nach etwas schief.
    Leider gehen Sie, Herr Hampel, darauf überhaupt nicht in Ihrem Kommentar ein.

    Daß Wissenschaftler zu diesem von mir empfundenen Stillstand selbst beitragen, habe ich ja oft genug im Artikel betont!

    • Ulrich Herb sagt:

      nur kurz: Wie gesagt, ich sehe schon, dass OA zunimmt. Wenn die Wissenschaftler OA publizieren, ohne die Bibs um Rat fragen zu müssen, ist das für mich ok. So sollte OA ja sein: Habitualisiert und das ist er in nicht wenigen Communities ja auch. Warum sollte z.B. ein Physiker den OA-Vertreter der Uni kontaktieren, wenn er einen Artikel auf arXiv lädt? Wer (im anderen Extrem) keinen OA machen will, der wird sich leider auch nicht überzeugen lassen. Die zwischen beiden Positionen schwebenden werden mal so, mal so entscheiden, bei einer Zunahme von OA und diese werden auch die OA-Vertreter der Bibliotheken konsultieren (ebenfalls zunehmend). Wenn der Keynote-Speaker OA nicht für seine Doktoranden empfehlen mag, freut mich das auch nicht, aber das muss man akzeptieren. Es wäre ja unschön, wenn er sie zu OA zwingen würde. Seltsamer finde ich, wenn ein Doktorand (auch bei den OA-Tagen) berichtet, dass er Closed Access publizieren muss und dafür eine Menge Geld ausgeben muss. Und solange Herrn Haucaps Doktoranden am Ende 4 ihrer 5 am häufigsten Publikationen (nach Google Scholar) OA stellen, ist für mich alles in Butter: So macht’s Herr Haucap nämlich selbst, http://scholar.google.de/citations?user=r92grWkAAAAJ&hl=de

  5. In den Kommentaren war hier schon die im Blogposting behauptete Stagnation von Open Access zurecht kritisiert worden. Ich möchte noch zu einigen weiteren Stellen etwas sagen.
    Im Blogposting wird behauptet: “An sich ist die Dominanz der Bibliothekare kein Problem, denn es waren sie selbst, die die Bewegung ins Leben gerufen haben.” Genau diese Fehlwahrnehmung habe ich im Schlußreferat zu meiner OA-Tage Session über die Kommunikation des Themas Open Access angesprochen, vgl. http://youtu.be/-brfemhkyxY?t=1h17m50s (der Link führt genau auf die einschlägige Stelle meines Referats). Halten wir fest: Wesentliche Impulse der OA-Bewegung sind immer wieder von ForscherInnen gekommen, und nicht aus der Infrastruktur-Community.
    Anders als die Autorin möchte ich zudem betonen, dass die Herausbildung einer Spezialisierung und Professionalisierung innerhalb der Infrastruktur-Community rund um das Thema OA ganz natürlich ist — und keineswegs nur negativ zu bewerten sein muß. Wie jede andere berufliche Expertencommunity auch ist diese naturgemäß begrenzt, d.h. man trifft gefühlt immer wieder auf die gleichen Personen, Argumente wiederholen sich etc. — geschenkt. Aber diese Spezialisierung war, im nachhinein betrachtet, eben auch die Voraussetzung dafür, Erfolgsgeschichten wie das an der oben verlinkten Videostelle erwähnte Beispiel arXiv nachhaltig zu machen. Ohne digitale Bibliothekare, SpezialistInnen für Metadaten, Urheberrecht etc. geht das praktisch nicht, das muß man sich auch klar machen. Sinngemäß gilt das gleiche übrigens für jedes lokale Angebot, wie das im Blogposting erwähnte Qucosa, in Dresden.
    Eine letzte Sache noch, die mich in dem Blogposting aufhorchen ließ. Keynote-Speaker Prof. Haucap wird dafür kritisiert, dass er seinen Doktoranden nicht uneingeschränkt das Publizieren in OA Journals nahelegt. Warum diese Kritik? Für jeden einzelnen Forscher stellt es sich selbstverständlich so dar, dass er/sie einen gelungenen Kompromiss treffen muss zwischen dem Interesse, die wissenschaftliche Öffentlichkeit zu bedienen, und dem eigenen Karriereinteresse. Ich kann daran nichts Verwerfliches erkennen, geschweige denn eine “Mitschuld” (Zitat aus dem Blogposting). Erfahrungsgemäß waren es selten moralische Appelle, die OA vorangebracht haben, und stattdessen materiell bessere Angebote — und natürlich Normen, wie verpflichtende OA-Mandate.

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