Experiment Selfpublishing… oder wie veröffentliche ich meine Dissertation

Letzten Dezember verteidigte ich meine Dissertation in einer öffentlichen Disputation an der Universität Leipzig. Nun bin ich so ein Zwischending: schon mehr Mensch, aber noch nicht ganz, wenn man den Grundsatz “Erst mit einer Promotion ist man ein richtiger Mensch” zugrunde legt. Denn als letzter Schritt sieht das Promotionsverfahren die Veröffentlichung der Dissertation vor. Dafür habe ich maximal 5 Jahre Zeit. Schaffe ich es in der Zeit nicht, war alle Arbeit umsonst. Der Titel wird mir wieder aberkannt.

Warum muß man eine Dissertation veröffentlichen?

Die Veröffentlichung der Dissertation ist ein wichtiger Arbeitsschritt in der Wissenschaft. Mit der Veröffentlichung wird der (Forschungs)Öffentlichkeit Zugang zu den Ergebnissen der Dissertation ermöglicht. Es ist dabei egal, ob es sich um eine Verlagsveröffentlichung, Selbstverlag oder um die Abgabe von Pflichtexemplaren in Form unterschiedlicher Anzahl an CD bzw. gedruckten Büchern handelt. Das ist die Ausgangsbasis

Meine Entscheidung: Experiment Selfpublishing

Nach erfolgreicher Verteidigung hatte ich mit meinem Doktorvater ein Gespräch über die anstehende Publikation. Da ich nun in dem Bereich arbeite und einen Einblick in Rechts- und Kostenfragen sowie die manchmal sehr enttäuschende Serviceleistungen von Verlagen (Stichwort Satz beim Autor) beim Druck von Publikationen habe, stand für mich recht schnell der Weg des Selfpublishings fest.

Nein, liebe Wissenschaftsverlage. Ich habe keine Lust 5000-9000 Euro Druckkostenzuschuß aus meiner Privatschatulle auszugeben (meine Dissertation umfaßt über 70 Diagramme plus eine Karte), um dann noch alle Arbeit selbst zu haben (Satz, Bewerbung, Korrektorat, Layoutgestaltung), nur um auf dem Pappdeckel meiner gedruckten Dissertation einen Verlagsnamen zu finden. Hinzu kommen noch die Übertragung ausschließlicher Nutzungsrechte an den Verlag, wobei bei vielen vor allem im elektronischen Bereich nicht viel los ist. Genauso gerade ich hinsichtlich Open Access ins Hintertreffen. Wenn ich schon alle Arbeit habe, dann mache ich sie selbstbestimmt. Nicht ohne Grund setzte ich die eingereichte Promotionsschrift in InDesign ;-).

3 Hauptgründe waren für Selfpublishing ausschlaggebend:

  1. Höhe der Druckkosten
  2. Rechtsfragen
  3. Open Access-Option

Da ich nicht in der Wissenschaft bleibe, brauche ich den Verlagsnamen für mein weiteres Fortkommen nicht. Da meine Dissertation Grundlagenarbeit für die frühneuzeitliche Bildungsarbeit ist, wird sie, wenn notwendig, genutzt werden – für eine lange Zeit immer wieder.

Blogreihe: Experiment Selfpublishing

Da ich mich nun auch praktisch mit dem Thema Selfpublishing beschäftige, das ich übrigens in meinen Workshops den Doktoranden gerne als Alternative vorschlage, liegt der Schritt über eine Blogreihe hier nahe. Ich will über meine Erfahrungen, die einzelnen Schritte schreiben – als eine Art öffentliches Experiment, um diese zukunftsträchtige Publikationsvariante anderen Wissenschaftskollegen näher zu bringen. Offen wurde bisher darüber im Wissenschaftsbereich noch nicht gesprochen.

Natürlich sind meine persönlichen Voraussetzungen für das Experiment gut:

  • ich strebe keine wissenschaftliche Karriere an, für die ich den Verlagsnamen brauche
  • ich kenne mich in den theoretischen Grundlagen des Publizierens aus, also Urheber- und Nutzungsrechte, Ablauf einer Publikation, Voraussetzungen
  • ich habe praktische Erfahrungen im Publizieren vom Satz bis zur Bewerbung aus meiner Verlagstätigkeit,
  • ich habe die technischen Voraussetzungen zum Publizieren, sprich ein anständiges Satzprogramm, mit dem ich für meinen Zweck umgehen kann
  • ich kenne die traditionellen Wege der Bewerbung und werde auch neue Varianten des Social Webs nutzen und auch damit mal herumexperimentieren
  • ich habe keine allzu hohen Erwartungen an meine Veröffentlichung. Sie ist der letzte Schritt im Promotionsverfahren, alles mehr ist ein Plus an Erfahrung, Ausprobieren

Also los geht’s. In den nächsten Wochen werde ich immer wieder über die neusten Entwicklungen berichten – egal ob es Fort- oder Rückschritte sein werden. Ziel ist es, spätestens im Herbst die Dissertation veröffentlicht zu haben. Ich bin mal gespannt, wie die Reise ablaufen wird.

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Über Wenke Bönisch

Wenke Bönisch arbeitet heute nach einer beruflichen Station in einem Wissenschaftsverlag (Autorenbetreuung, Satz und Social Media) als Freiberuflerin u. a. für den Ulmer Verlag (http://socialmedia.ulmer.de), für die Frankfurter Buchmesse sowie für den Digitalisierungsdienstleister Editura (http://editura.de) im Social Media Bereich. Neben Social Media beschäftigt sie sich mit den Themen elektronisches Publizieren, Wissenschaft, Open Access und Neue Medien. Zu ihren entsprechenden Projekten hält sie dazu auch Workshops, Vorträge und Seminare. Unter den Namen @digiwis (http://twitter.com/digiwis) twittert sie (fast) täglich. Auf ihrer Website http://digiwis.de bloggt sie zu ihren Tätigkeitsschwerpunkten.
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7 Antworten auf Experiment Selfpublishing… oder wie veröffentliche ich meine Dissertation

  1. Michael Sutter sagt:

    Danke für diesen Beitrag!
    Aber muss es nicht statt “Genauso gerade ich hinsichtlich” eher “Genauso gerate…” heißen?

  2. Marco sagt:

    Viel Spaß und Erfolg beim Selbstverlegen der Dissertation. Für Promovenden mit weniger Zeit oder Expertise käme alternativ zum kommerziellen Wissenschaftsverlag so an der Hochschule vorhanden die Publikation in einem Universitätsverlag in Betracht.
    Eine entsprechende Benotung oder Publikationsempfehlung vorausgesetzt fallen dort gewöhnlich lediglich die reinen Druckkosten für eine geringe Startauflage, sowie ggf. Satz-, Korrektorats- und Lektoratskosten an. Eine Publikation ist also meistens sehr kostengünstig.

    Gemeinheit überträgt der Autor dort auch nur einfache Nutzungsrechte und die Open Access-Publikation auf dem institutionellen Repositorium ist meist dabei, denn Univerlage publizieren häufig hybrid.
    Vorteil auch, dass die Arbeit womöglich in einer Schriftenreihe des Instituts und damit zusätzlich qualitätsgeprüft und in einem passenden fachlichen Zusammenhang erscheint.
    Häufig werden Univerlage von den Bibliotheken betrieben. Also einfach dort nachfragen. Je mehr qualitativ hochwertige (inhaltlich und formal hochwertig) Publikationen in Universitätsverlagen erscheinen, desto größer deren Wahrnehmung und Reputation und umso besser für Open Access.

    Und ein Buch für Oma, Opa, Mutti und Freund oder die Bewerbungsmappe mit ISBN und vertrieben auf allen Kanälen gibt es als Dreingabe dazu.

  3. Eva Kraus sagt:

    Interessanter Beitrag! Ich stand kürzlich vor der gleichen Entscheidung, und auch bei mir fiel sie gegen die herkömmlichen Wissenschaftsverlage.

    In meinem Fall kam als wesentliches Entscheidungskriterium noch der Ladenpreis hinzu, den ich möglichst niedrig halten wollte, um auch Käufer außerhalb der Wissenschaft/von Erwerbungsabteilungen in Bibliotheken nicht vom Kauf abzuhalten (was sich bei meinem Thema anbot). Zwei Anfragen bei herkömmlichen Wissenschaftsverlagen ergaben Ladenpreise von (zunächst!) 29,95 € bzw. 35,- € für ein 500-Seiten-Buch ohne Abbildungen. Auf meine Nachfrage, ob einer parallelen Open Access-Publikation auf dem Hochschulserver zugestimmt würde, lautete die Antwort von Verlag 1 zwar “Ja”, der Ladenpreis wurde daraufhin aber auf 45,- € erhöht…

    Meine persönliche Lösung sah letztlich so aus:
    - Online-Publikation auf dem Hochschulserver; Open-Access, schnell, günstig (ca. 80 € Kosten für 3 Print-Belegexemplare plus Porto); damit Abschluss des Promotionsverfahrens
    - Buch-Publikation bei http://www.book-on-demand.de; Ladenpreis 19,95 €; Druckkosten ca. 800-900 € (Verlagspauschale plus 30 Autorenexemplare); für jedes verkaufte Buch erhalte ich 1,90 € Honorar (ein Fremdwort bei Wissenschaftsverlagen!). Die Rechte liegen zwar für 2 Jahre exklusiv beim Book-on-Demand-Anbieter, danach kann ich aber kündigen; die Open-Access-Publikation war kein Problem.

    Ich bin mit dieser Lösung sehr zufrieden. Allzu viel Arbeit rund um die Veröffentlichung hätte mir auch ein Wissenschaftsverlag nicht abgenommen, dafür aber kräftig Geld kassiert, einen nicht markttauglichen Ladenpreis geboten und die Rechte für immer eingesteckt.

    • Wenke Bönisch sagt:

      Vielen Dank für Ihren Erfahrungsbericht. Wie haben Sie es mit dem Satz gemacht? Selbst gesetzt? Über Word? Letzte Frage: wie haben Sie Ihr Buch beworben?

  4. Eva Kraus sagt:

    Ja, ich habe selbst gesetzt, und nochmal ja, mit Word.

    Werbung: Das Buch ist noch keine drei Monate auf dem Markt, alle mir einfallenden Möglichkeiten habe ich also (auch aus Zeitmangel) noch nicht ausgeschöpft. Bisher
    a) habe ich eine Werbepostkarte mit dem Cover des Buches produzieren lassen (geht sehr günstig bei Online-Druckereien – bei mir waren es ca. 35 Euro für 500 Karten). Auf der Rückseite stehen die wichtigsten bibliographischen Daten und der Ladenpreis; die drücke ich nun jedem in die Hand, den ich treffe, zum Teil habe ich sie auch an am Buch/Thema interessierte Personen verschickt oder lege sie bei, wenn ich das Buch verschicke.
    b) hat der Verband, dessen Geschichte ich in meiner Arbeit erforscht habe, eine Pressemitteilung verschickt und eine Pressekonferenz organisiert, auf der ich die wichtigsten Ergebnisse präsentierte. Daraus ergab sich für mich die Möglichkeit, einen eigenen Artikel für eine Zeitung zu schreiben (mit Hinweis aufs Buch), der demnächst erscheinen wird.
    c) habe ich eine Präsentation des Buches auf recensio.net verfasst: http://www.recensio.net/Members/Eva/das-deutsche-jugendherbergswerk-1909-1933/
    d) habe ich einige Redaktionen wiss. Zeitschriften angeschrieben und ein Rezensionsexemplar angeboten, was von diesen daraufhin auch angefordert wurde
    e) habe ich die üblichen Belegexemplare an aufgesuchte Archive, interessierte Kreise etc. verteilt.
    f) habe ich meinen Beitrag auf L.I.S.A., in dem ich schon das Historikertags-Poster der Dissertation als PDF publizierte, um den Hinweis auf Online-Version und Buch ergänzt.

    Ich werde ggf. noch weitere Zeitschriften wegen Rezensionen anschreiben und 3-4 Journalisten von Tageszeitungen kontaktieren. Für weitere Vorschläge wäre ich dankbar, vielleicht ist Ihnen ja noch etwas anderes eingefallen?

  5. Eva Kraus sagt:

    Ach ja, noch als Ergänzung: Book on Demand bot die Möglichkeit, gegen 20 Euro Aufpreis das Buch bei Googel BookSearch einzustellen, das habe ich auch wahrgenommen.

  6. Pingback: Update 1: Experiment Selfpublishing… oder wie veröffentliche ich meine Dissertation | Wissenschaft und neue Medien

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