Ökonomisierung und Dogmatik vs. persönliche Freiheit beim wissenschaftlichen Publizieren: ein paar Gedanken

Lilian Landes hat vor ein paar Tagen in ihrem Blog “Rezensieren, Kommentieren, Bloggen: Wie kommunizieren Geisteswissenschaftler in der digitalen Zukunft” einen in der digitalen Wissenschaftskommunikationszunft viel diskutierten Beitrag darüber veröffentlicht, daß wissenschaftliches Bloggen noch zu sehr zum Ausprobieren fürs wissenschaftliche Schreiben fungierten und damit kaum äquivalent zu Fachzeitschriften wahrgenommen werden würden. Sie fordert da ein Umdenken.

Nun hat Marc Scheloske darauf geantwortet und weist zurecht daraufhin, daß die Befürworter wissenschaftlichen Bloggens und Open Access’ selbst gerne aus Karrieregründen ihre Aufsätze und Beiträge in den etablierten Fachzeitschriften veröffentlichen und somit letztlich ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht werden. Zum Schluß fragt Scheloske, wer den Anfang macht und so Bloggen und Open Access aktiv unterstützt.

Wie immer haben beide Recht, in beiden Aussagen steckt ein Teil der Wahrheit. Beide Argumente führe ich übrigens in meinen Workshops mit umfangreichen Erklärungen an: nutzt den Blog zum Ausprobieren neuer Fertigkeiten und neuer Wege wissenschaftlichen Publizierens. Nutzt Open Access mit seinen Vorteilen Schnelligkeit, bessere Auffindbarkeit durch die Suchmaschinen und in den Bibliothekskatalogen. Es liegt an euch, wie ihr publiziert und wie die Zukunft wissenschaftlichen Publizierens gestaltet wird. Open Access und wissenschaftliches Bloggen bedeuten auch ein Stück persönliche Freiheit von den karrierebedingten Zwängen, die es im heutigen Wissenschaftsbetrieb gibt. Es ist ein Raum des Ausprobierens, Experimentierens. Ja, ich weiß um die Problematik der Drittmitteleinwerbung. Aber all das führt zu gewisser Stromliniegkeit bei den Nachwuchswissenschaftlern, die übrigens schon bei den  Aber wir brauchen auch die experimentierfreudigen

Und wie ist meine persönliche Erfahrung?

Ich habe mit AEON. Forum für junge Geschichtswissenschaft in der Gründungsredaktion den Weg des Open Access beschritten und dort auch selbst publiziert. Es war für mich eine lehrreiche Erfahrung zu sehen, wieviel Energie und Engagement man für diese Form des Publizierens benötigt, aber auch generell für all die Erfahrung in den notwendigen, klassischen Schritten einer Veröffentlichung (Peer Review, Lektorat, Überarbeitung etc.). Gleichzeitig habe ich auch Aufsätze und Rezensionen in etablierten Fachzeitschriften veröffentlicht (siehe meine Publikationsliste). Darüber hinaus blogge ich sehr gerne: hier und in meinem Wissenschaftsblog Vergangenheitsstaub, der aus persönlichen Gründen gerade etwas ruht, aber auf jeden Fall wiederbelebt wird. Ich nutze Social Media, um mit anderen zu diskutieren und meine Gedanken zu veröffentlichen. Ich kenne die Vor- und Nachteile und spreche daher in meinen Workshops aus eigenen Erfahrungen. Ich sperre mich keineswegs gegen einen Weg und stelle nicht klassische Publikationsform vs. moderne, sondern empfehle situationsangepaßt beides.

Und dennoch bedaure ich eine Ökonomisierung der Wissenschaft, die Kreativität und Freiheit wissenschaftlichen Forschens und Publizierens verhindert. Diese Ökonomisierung ist leider auch großteils hausgemacht. Schon die sehr guten Absolventen werden darauf gedrungen, Abschlußarbeiten zu schreiben, die nicht – früher – den Anforderungen einer Magisterarbeit entsprachen, sondern schon einer Dissertation. Bei der Dissertation kam am Ende eine Habilitation heraus. Und bei der Habilitation? Und warum mußte dies so sein? Warum konnte der Magistrant nicht einfach seine Magisterarbeit schreiben und zeigen, daß er die Grundregeln wissenschaftlichen Publizierens verstanden und anwenden konnte. Warum mußte unbedingt mit der Magisterarbeit eine größere Forschungsleistung verbunden werden? Übrigens liegen zahlreiche dieser Arbeiten ungenutzt, sprich unpubliziert, in den Instituten herum. Schade, denn so hätte dieser vielfache Aufwand noch seinen Nutzen haben können. Zum Glück scheint diese Tendenz rückläufig zu sein, zumindest hoffe ich es.

Zur Ökonomisierung der Wissenschaft halte ich auch die unausgesprochene Forderung, seine Aufsätze in Fachzeitschriften mit bestimmten Ruf/Impact Factor schon fast zwangsweise zu publizieren – allein der Karriere wegen. Ja, ich kann dieses Glücksgefühl verstehen, wenn man in einer etablierten Zeitschrift veröffentlicht hat. Aber per se sagt dies nicht immer über die Qualität etwas aus. Wenn nur noch der Anschein zählt, läuft etwas schief.

Übrigens gilt gleiches für die absoluten Dogmatiker von Open Access. Noch einmal: ich wünsche mir eine Kultur wissenschaftlichen Publizierens die beide Varianten – klassisch und OA/Blog – je nach Situation akzeptiert und integriert, kein Dogma auf beiden Seiten.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Über Wenke Bönisch

Wenke Bönisch arbeitet heute nach einer beruflichen Station in einem Wissenschaftsverlag (Autorenbetreuung, Satz und Social Media) als Freiberuflerin u. a. für den Ulmer Verlag (http://socialmedia.ulmer.de), für die Frankfurter Buchmesse sowie für den Digitalisierungsdienstleister Editura (http://editura.de) im Social Media Bereich. Neben Social Media beschäftigt sie sich mit den Themen elektronisches Publizieren, Wissenschaft, Open Access und Neue Medien. Zu ihren entsprechenden Projekten hält sie dazu auch Workshops, Vorträge und Seminare. Unter den Namen @digiwis (http://twitter.com/digiwis) twittert sie (fast) täglich. Auf ihrer Website http://digiwis.de bloggt sie zu ihren Tätigkeitsschwerpunkten.
Dieser Beitrag wurde unter Publizieren abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>