Interview mit Michael Sonnabend, Leiter Öffentlichkeitsarbeit des Stifterverbandes, über Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter: “Das Web 2.0 bietet Wissenschaftlern ungeahnte Möglichkeiten, der Gesellschaft etwas zurückzugeben”

Michael Sonnabend, Leiter Öffentlichkeitsarbeit des Stifterverbandes

Michael Sonnabend, Leiter Öffentlichkeitsarbeit des Stifterverbandes

Einer der Gründungsideen für diesen Blog war und ist die Frage, wie sich Wissenschaft, Forschen und Lehren im digitalen Zeitalter mit seinen neuen Kommunikationsmöglichkeiten wandelt. Ohne Zweifel ändern das Internet und besonders Social Media (beispielsweise das Bloggen) die Wissenschaftskommunikation. In den letzten Tagen durfte ich mit Michael Sonnabend, Leiter Öffentlichkeitsarbeit beim Stifterverband ein – humorvolles – Interview über den Stifterverband, den neuen Wegen in der Wissenschaftskommunikation und die Erfahrung des Stifterverbandes dabei führen.

Bevor wir über die den Stifterverband und Wissenschaftskommunikation sprechen, bitte ich Sie, Herr Sonnabend, sich kurz den Lesern vorzustellen.

Michael Sonnabend: Ich bin seit über 20 Jahren Öffentlichkeitsarbeiter beim Stifterverband, gehöre also quasi schon zum Inventar. Ich hatte in dieser Zeit wechselnde Funktionen. Neben anderem war ich mehrere Jahre der Pressesprecher des Hauses. Heute darf ich mich „Leiter Öffentlichkeitsarbeit“ nennen und kümmere mich in dieser Funktion um den Bereich Corporate Publishing und die immer wichtiger werdende Online-Kommunikation. Ich lebe in Essen, liebe das Ruhrgebiet, weil es viel schöner ist als die meisten glauben. Und im Moment bin ich besonders glücklich, weil der BVB wieder Deutscher Meister geworden ist.

Der Stifterverband, zusammengesetzt aus rund 3.000 Unternehmen, Unternehmensverbände, Stiftungen und Privatpersonen, möchte Wissenschaft, Forschung und Bildung fördern. Wie setzt der Stifterverband seine Aufgabe um?

Michael Sonnabend: Der Stifterverband ist eine reine Spendorganisation, oder – wie man auch sagen könnte – eine hochgradig professionell arbeitende Bettelorganisation. Wir sind keine Stiftung, sondern werben pro Jahr immer wieder aufs Neue rund 30 Millionen Euro ein, die komplett in unsere Förderprogramme fließen. Mit diesen Programmen setzen wir Impulse für das Wissenschafts- und Hochschulsystem. Das heißt, wir versuchen dort tätig zu werden, wo staatliche Förderprogramme nicht oder nicht ausreichend tätig sind. Aktuell beschäftigen wir uns mit der Verbesserung der Lehrerausbildung. Darüber hinaus erheben wir – übrigens als einzige Institution in Deutschland – wie viele Mittel die deutschen Unternehmen für Forschung und Entwicklung aufwenden. Und last but not least sind wir Anlaufstelle für alle, die eine Stiftung einrichten wollen. Wir helfen bei der Gründung und bei Bedarf managen wir auch Stiftungen.

Der Stifterverband möchte u. a. mit seinem Förderprogramm den Austausch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit stärken. Wie sehen Sie die heutige Öffentlichkeitsarbeit von Forschern und Wissenschaftlern?

Michael Sonnabend: Mir scheint, dass gerade viel in Bewegung ist. Viele Forscher merken, dass sie persönlich mehr in Öffentlichkeitsarbeit investieren müssen. Es reicht halt nicht mehr, nur noch auf die persönlichke Karriere zu schauen und in den richtigen Journalen zu publizieren. Das gehört zwar auch nach wie vor dazu, aber für die Gesamtreputation des Forschers wird es immer wichtiger, sich an öffentlichen Diskursen zu beteiligen. Die Öffentlichkeit erwartet heute mehr von Wissenschaftlern, frei nach dem Motto: „Wofür haben wir den Bub/das Mädel studieren lassen?“

Hat sich diese Wissenschaftskommunikation in den letzten zwei, drei Jahrzehnten gewandelt?

Michael Sonnabend: Sicher. Noch vor 20 Jahren steckte die Wissenschaftskommunikation hierzulande in den Kinderschuhen. Wissenschaft wurde in den großen Feuilletons abgehandelt und war den wissenschaftlichen Platzhirschen vorbehalten. Ich erinnere z. B. an den sogenannten Historikerstreit Ende der 80er-Jahre. Die Wissenschaftskommunikation als solche wurde erst mit dem Aufkommen der PUSH-Bewegung (PUSH=Public Understanding of Sciences and Humanities) nach der Jahrtausendwende ein großes Thema. Es war sicherlich sehr hilfreich, dass alle großen Wissenschaftsorganisationen damals erkannt haben, wie wichtig das Thema ist. Mit der Gründung der überaus segensreichen Einrichtung „Wissenschaft im Dialog“ hat man das Ganze dann auch institutionalisiert. Initiativen wie die vom Stifterverband ausgelobte „Stadt der Wissenschaft“, der jährliche „Wissenschaftssommer“ oder die Wissenschaftsjahre des BMBF haben sicher auch wichtige Impulse gegeben. Mir scheint aber, dass wir jetzt an einer Art Wendepunkt angekommen sind, und der hat mit dem Internet zu tun.

Welche Chancen, aber auch Gefahren birgt die Kommunikation über das Internet für die Wissenschaftskommunikation?

Michael Sonnabend: Eigentlich sehe ich nur Chancen. Gefahren sehen immer nur diejenigen, die sowieso ständig Angst haben oder sich irgendwie herausreden wollen. Das Web 2.0 bietet Wissenschaftlern ungeahnte Möglichkeiten, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Man kann sich an öffentlichen Debatten beteiligen (ohne ein Platzhirsch sein zu müssen), man kann sich einen Namen machen, man kann an seiner Reputation arbeiten. Voraussetzung für all das ist aber eine entsprechende Haltung: Man muss als Wissenschaftler erst einmal zu der Erkenntnis gelangen, dass diese Gesellschaft „da draußen“ in der Tat etwas erwarten von einem darf. Die Gesellschaft hat berechtigte Ansprüche. Social Media und Web 2.0 können diese Ansprüche wunderbar befriedigen. Diese Haltung ist bei vielen leider immer noch nicht vorhanden.

Warum scheuen Ihrer Meinung nach noch so viele Wissenschaftler Social Media für sich zu nutzen, aber auch solche neuen Austausch- und Diskursmöglichkeiten wie Peer Review 2.0?

Michael Sonnabend: Weil man die falsche Haltung hat – siehe oben. Wer sich in sozialen Netzwerken tummelt, muss zumindest ansatzweise auch sozial denken. Man lässt andere teilhaben, man ist offen und transparent. Damit kommen viele Forscher nicht klar. Stattdessen geißeln sie dann das Web 2.0 als egozentrische Selbstentblößung, charakterschwache Wichtigtuerei oder wahlweise auch als groben Unfug.

Weil man Berührungsängste hat.

Weil man keine Zeit hat: Das ist ein Argument, für das ich sogar ansatzweise Verständnis habe. Denn Social Media macht man nicht mit links. Das kostet viel Zeit, wenn man es richtig machen will.

Weil es sich nicht in barer Münze auszahlt. Jedenfalls nicht sofort.

Wie kann man Skeptiker von den Vorteilen von Wissenschaftskommunikation im Internet überzeugen? Engagiert sich der Stifterverband mit Workshops/Konferenzen etc. zu diesem Thema?

Michael Sonnabend: Skeptiker sind sehr selten mit Argumenten zu überzeugen. Das geht wahrscheinlich nur, wenn es irgendwie weh tut. Erst dann bewegen sich die meisten. Wer also weiterhin im Elfenbeinturm bleiben möchte, kriegt Minuspunkte im Fach „Öffentlichkeitsarbeit“ – ich bin ein großer Fan leistungsorientierter Vergütung…

Der Stifterverband setzt übrigens auch auf solche Art von Stimulierung, allerdings auf ganz positive Art. Wir vergeben Preise und zeichnen Personen aus, die sich besonders hervortun. So küren wir zusammen mit der DFG schon seit vielen Jahren besonders gute Wissenschaftskommunikatoren mit dem „Communicator-Preis“. Darüber hinaus gehören wir schon seit vielen Jahren zu den den unbedingten Förderern des „Forums Wissenschaftskommunikation“ oder auch der Bremer „Wissenswerte“.

Sollte überhaupt jeder Wissenschaftler beispielsweise bloggen?

Michael Sonnabend: Irgendjemand hat mal gesagt: „Ein Wissenschaftler, der nicht bloggt, ist ein schlechter Wissenschaftler“. Ich bin durchaus geneigt, diesen Spruch gut zu finden. Mir ist schon klar, dass nicht jeder Forscher zum bloggen geeignet ist. Ein bisschen Spaß und intrinische Motivation gehört ja auch dazu.

Auf der anderen Seite ist ja alles erlernbar, sogar das allgemeinverständliche Schreiben für ein Blog. Zum Beispiel mit meinem Buch „Schreiben-Bloggen-Präsentieren“, das ich zusammen mit Susanne Weiss geschrieben habe. Dort vermitteln wir jedem Forscher das Handwerkszeug zum guten Schreiben. – Werbeblock Ende.

Brauchen wir eine Professionalisierung der Wissenschaftskommunikation in der Öffentlichkeit? Wie sollte diese aussehen?

Michael Sonnabend: Die Art und Weise, wie heute Wissenschaft kommuniziert wird, ist ja nicht unprofessionell. Wer sich im ZDF „Abenteuer Forschung“ anschaut, sieht ja eine toll gemachte Sendung. Das Problem ist doch vielmehr das Forscherbild, dass hier immer wieder bedient wird. Forschung und Wissenschaft sind hier etwas bedingungslos Gutes und Positives. Immer wieder werden hier „die Forscher“ beschworen, ständig im Kampf gegen böse Krankheiten, Viren oder Bakterien. Forschungsprozesse werden hier sehr billig dramatisiert – vielleicht muss das im Sinne guter Quoten so sein. Ich glaube aber, man muss Wissenschaftler nicht als Halbgötter stilisieren, um Dinge spannend zu präsentieren.

Die Wissenschaft ist einer der letzten gesellschaftlichen Bereiche, in den die Leute noch ein gewisses Grundvertrauen haben. Politik, Journalismus, Kirche – alle haben längst jeglichen Kredit verspielt, aber an die Wissenschaft glauben noch viele. Mir scheint, dass Wissenschaftskommunikatoren diesen Glauben durch nichts in der Welt erschüttern wollen. Im Gegenteil: sie profitieren davon, indem sie die immer gleichen Wisschaftlerklischees bedienen, weil sie wissen, dass sie beim Publikum gut ankommen. Das ödet mich an.

Ich würde mir wünschen, dass die Wissenschaftskommunikation zu differenzierteren Darstellungsformen fände. Ich glaube, das würde es für alle spannender machen.

Der Stifterverband ist mit einem Facebook-Auftritt und einem Twitter-Account vertreten. Was war Ihr Motiv für solch ein Engagement?

Michael Sonnabend: Um seriös zu klingen, müsste ich Ihnen hier jetzt wahrscheinlich etwas von „integrierter strategischer Kommunikation“ erzählen, von langen Sitzungen, von Zielgruppendiskussionen und noch manch anderes Wichtigkeitsgedröhn von mir geben. Das ist aber alles Quatsch. Es war nämlich der pure Spaß! Wir haben uns einfach voller Freude in ein Abenteuer gestürzt. Wir haben Dinge ausprobiert, uns einfach ein bisschen umgesehen, jeden Tag was dazu gelernt.

Facebook hat bald eine Milliarde Nutzer. Twitter wächst immer noch, genauso übrigens wie Google+. Wozu brauche ich quälende Zielgruppenanalysen, wenn ich doch weiß: Da müssen wir dabei sein! Da spielt die Musik!

Haben sich die Erwartungen erfüllt?

Michael Sonnabend: Unser Ziel war es ja zunächst einmal, die Funktion und Wirkweise der Netzwerke kennen zu lernen. Wie kommuniziert man eigentlich, wie spricht man miteinander? Mit welcher Art von Informationen kommt man mit anderen Nutzern in Kontakt? Wer tummelt sich dort, wer sind die opinion leaders? Welche Themen beschäftigen die sogenannte Netzgemeinde? Sind viele Spinner unterwegs, die einem womöglich das Leben schwer machen?

Wir lernen täglich immer noch dazu. Grundsätzlich sind die Netzwerke eine große Bereicherung unserer Kommunikation. Wir kommen mit Menschen in Kontakt, von denen wir nie gedacht hätten, dass sie sich für uns und unsere Arbeit interessieren. So viel zum Thema Zielgruppen.

Wie sehen Sie die Zukunft von Wissenschaftskommunikation/Öffentlichkeitsarbeit der Wissenschaft? Wie wird sie sich entwickeln?

Michael Sonnabend: Sie wird selbstbewusster werden. Weil sie noch einen höheren Stellenwert erlangen wird. Sowohl beim Wettbewerb um knapper werdende finanzielle Mittel als auch für die Reputation des einzelnen Wissenschaftlers.

Herzlichen Dank für das Interview, Herr Sonnabend!

Webseite des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft: http://www.stifterverband.info/

Stifterverband auf Facebook: https://www.facebook.com/Stifterverband

Stifterverband auf Twitter: https://twitter.com/stifterverband

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Über Wenke Bönisch

Wenke Bönisch arbeitet heute nach einer beruflichen Station in einem Wissenschaftsverlag (Autorenbetreuung, Satz und Social Media) als Freiberuflerin u. a. für den Ulmer Verlag (http://socialmedia.ulmer.de), für die Frankfurter Buchmesse sowie für den Digitalisierungsdienstleister Editura (http://editura.de) im Social Media Bereich. Neben Social Media beschäftigt sie sich mit den Themen elektronisches Publizieren, Wissenschaft, Open Access und Neue Medien. Zu ihren entsprechenden Projekten hält sie dazu auch Workshops, Vorträge und Seminare. Unter den Namen @digiwis (http://twitter.com/digiwis) twittert sie (fast) täglich. Auf ihrer Website http://digiwis.de bloggt sie zu ihren Tätigkeitsschwerpunkten.
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2 Antworten auf Interview mit Michael Sonnabend, Leiter Öffentlichkeitsarbeit des Stifterverbandes, über Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter: “Das Web 2.0 bietet Wissenschaftlern ungeahnte Möglichkeiten, der Gesellschaft etwas zurückzugeben”

  1. Pingback: Wissenschaft und neue Medien | ZAFUL

  2. Ein wesentlicher Teil des Problems liegt meiner Meinung nach schon viel früher begründet: in der Ausbildung zur Wissenschaft. Da werden Klarheit und Transparenz oftmals weder vorgelebt noch gefördert. Im Gegenteil bekommen viele Studenten den (falschen) Eindruck, richtige Wissenschaft sei verschwurbelt und unverständlich; wer ordentlich wissenschaftlich arbeiten wolle, müsse durch ineinander verschachtelte erweiterte Infinitive und eine absurde Quote an Fremdwörtern und Normalmenschverschrecksubstantivzusammensetzungsungetümen glänzen. Wenn man das durch Studium und Promotion hindurch immer weiter eingeschliffen hat, kann man zwar anschließend einem Wissenschaftler leicht sagen, er möge doch jetzt bitte klar und allgemeinverständlich kommunizieren; nur wird der es dann schwer haben, über seinen Schatten zu springen. Dabei schadet das Bemühen um Klarheit der eigenen Wissenschaftlichkeit gar nicht, sondern macht oftmals auch die Inhalte besser: weil Schwachstellen aufgedeckt werden und man sich nicht mehr im Wortnebel verstecken kann. Aber trotz aller Exzellenz- und anderer Initiativen wird diesem Teil der wissenschaftlichen Ausbildung kaum Bedeutung zugemessen; dabei ist Schreiben doch für alle Wissenschaften zentral, da selbst die Laborhelden ihre Forschungsergebnisse regelmäßig durch Texte kommunizieren…

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