Wissenschaftskommunikation im Social Web: Was treiben Verlage im Web 2.0?

Foto: Gerd Altmann  / pixelio.de

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Wenn wir Informationen für die Forschung suchen, begeben wir uns meist auf den Weg in die reale oder virtuelle Bibliothek. Dort begegnen wir Büchern, Journals und Datenbanken von Verlagen, die wir mit unseren Forschungsfragen konsultieren können. Online warten eine ganze Reihe anderer Angebote ohne einen Verlagshintergrund darauf, von Forschern entdeckt und für die wissenschaftliche Praxis eingesetzt zu werden. Immer stärker gewinnen soziale Medien in der Forschung und der Wissenschaft an Gewicht und traditionelle Prozesse der Wissenschaftskommunikation verändern sich durch das Auftreten digitaler Medien. Verlage, die als Publisher am Ende der Kette der Wissensgenerierung stehen, sind durch neue Kommunikationsformen herausgefordert.

Was ist eigentlich genau Wissenschaftskommunikation?

Zunächst einmal unterscheidet man in der Literatur zwischen interner (scholary communication) und externer Wissenschaftskommunikation. Während sich die externe Wissenschaftskommunikation um Kommunikation von Forschungsergebnissen an eine interessierte Allgemeinheit dreht, sind wir bei der internen Wissenschaftskommunikation bei dem Teil angelangt, in der es um das Schaffen von neuen Forschungsergebnissen innerhalb einer Fachcommunity geht. Nach Thorin besteht die interne Wissenschaftskommunikation aus drei Elementen:

  1. dem wissenschaftlichen Prozess der Ideenfindung und der informellen Kommunikation innerhalb der engeren Community,
  2. das Weiterverarbeiten, Konkretisieren und die Kommunikation im Kollegenkreis,
  3. dem formalen und öffentlichen Endprodukt der Wissenschaftskommunikation in Form einer Publikation.

Wie Social Media die Wissenschaftskommunikation beeinflusst

Grundsätzlich kann auf allen drei Ebenen Social Media eine bedeutende Rolle spielen. Netzwerke wie ResearchGate etwa haben die von Facebook bekannten Funktionalitäten der Verbindung von Usern und dem informieren. Hier können Forscher untereinander in Kontakt treten und sich über Forschungsinteressen und neu erschienene Publikationen austauschen. Wenn es darum geht, Inhalte konkret zu erstellen und eine Publikation vorzulegen, dann sind wikibasierte Lösungen wahrscheinlich die bekannteste Möglichkeit des Publizierens. Auch in der Wissenschaftswelt finden diese Angebote einen immer größer werdenden Zuspruch. Zahlreiche Fachwikis haben sich gegründet und sorgen für einen Austausch innerhalb der Community. Ein bekanntes Beispiel dafür aus dem Reich der Lebenswissenschaften ist OpenWetWare. Jedes (soziale) Medium hat seine spezifische Leistungsfähigkeit und kann in unterschiedlichem Maße zum Gelingen der Wissenschaftskommunikation beitragen.

Und die Wissenschaftsverlage?

Wissenschaftsverlage schauen dieser Veränderung des Kommunikationsverhaltens selbstverständlich nicht tatenlos zu. Schaut man sich die großen Player an, Reed-Elsevier und für den deutschen Markt Springer SBM und De Gruyter, fällt auf, dass die Verlage ein sehr ähnliches Social Media Engagement betreiben, dass sich mit den Stichworten facebooken, twittern und bloggen zusammenfassen lässt. Springer SBM und Reed-Elsevier, die sehr ähnliche Märkte bedienen, sind im Social Web fast identisch aktiv. Die Verlage twittern und posten über themenspezifische Twitter-Kanäle und Facebook-Pages und treten so mit den Forschern in Kontakt. Dabei verweisen sie in der Regel auf eigene Neuerscheinungen oder Events, die für die Community interessant sein könnten.

Selbsterstellte Inhalte und User Generated Content (noch) Fehlanzeige

Deutlich weniger stark werden Angebote wie Blogs vorgehalten. Wikis oder anderen Tools zur kollaborativen Texterstellung gehören in aller Regel nicht zu den Angeboten von Wissenschaftsverlagen im Social Web. Womit hängt das zusammen?

Zum einen ist hier der immer wieder diskutierte Verlust der Meinungshoheit zu nennen. Wer sich als Unternehmen ins Social Web wagt, wird damit leben müssen, dass andere über die eigenen Marken sprechen. Das ist aber im Bereich der Wissenschaftsverlage weniger relevant, schließlich stehen die Produkte der Verlage – sehen wir einmal von der Kontroverse um die von Reed-Elsevier verlangten Zeitschriftenpreise ab – nur selten in der öffentlichen Kritik.

Viel wichtiger ist der Mangel eines digitalen Geschäftsmodels. Verlage verdienen ihr Geld damit, Inhalte aufzubereiten und Kanäle zu organisieren, durch die Kunden auf Inhalte zugreifen können. Mit einem nicht-zugangsbeschränkten Wiki kann man schlicht und ergreifend kein Geld verdienen. So verständlich diese Haltung auch ist, Studien zum Einsatz von Social Media in der Wissenschaftskommunikation wie beispielsweise von Koch und Moskaliuk zeigen deutlich, dass soziale Medien innerhalb der Wissenschaftskommunikation zukünftig immer wichtiger werden. Für Verlage kann es hier von Vorteil sein, wenn sie Social Media Engagements nicht ausschließlich mit dem Ziel der Kundenbindung betreiben, sondern aktiv an neuen Formen des Publizierens partizipieren. Der Markt für wissenschaftliche Informationen ist im Umbruch begriffen, Zahlungsströme diversifizieren sich. Bibliotheken sind nicht mehr die Hauptkunden von Wissenschaftsverlagen. Mit der Herausbildung von Patron Driven Acquisitions-Modellen (kundengesteuerter Erwerb) wird die Nachfragemacht von Wissenschaftlern als Kunden wichtiger werden.

Für Verlage kann der Wandel innerhalb der Wissenschaftskommunikation zu einer Gefahr werden. Steigt die Akzeptanz von Social Media weiter, könnten zumindest wikibasierte Plattformen etablierten Journals – erscheinen sie nun als Printausgabe oder digital – langfristig Konkurrenz machen. Einflussreiche Forscher betreiben schon heute Blogs und die „klassischen“ Mechaniken des Reputationsgewinns innerhalb einer Community werden sich verändern. In welche Richtung es gehen wird und welchen Stellenwert Wissenschaftsverlage für die Wissenschaftskommunikation in Zukunft haben werden, bleibt abzuwarten. Mit buchhandelsfremder Konkurrenz ist zu rechnen.

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Über Jan Hillgärtner

Jan Hillgärtner studiert Buchwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und beschäftigt sich als Student mit den theoretischen Seiten von Social Media und als Mitarbeiter bei Mediakontakt Laumer mit der praktischen Umsetzung. Jan Hillgärtner im Social Web: Xing: http://www.xing.com/profile/Jan_Hillgaertner Facebook: https://www.facebook.com/jan.hillgaertner Twitter: http://twitter.com/#!/JanHillgaertner Google+: https://plus.google.com/u/0/111162095725765276575/posts
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Eine Antwort auf Wissenschaftskommunikation im Social Web: Was treiben Verlage im Web 2.0?

  1. Danke, lieber Jan Hillgärtner.

    Die Ergebnisse der o.g. Befragung von Koch und Moskaliuk (2009) decken sich mit den deutlich aktuelleren Erkenntnissen von Bader/Fritz/Gloning (2012) oder Bräutigam (2011), was allerdings bedeutet, dass die Nutzung interaktiver oder gar sozialer Medien über die Lehre hinaus auch in der Forschung nach wie vor ein absolutes Nischendasein fristet. Da es erstaunlicherweise kaum signifikante Unterschiede in der Nutzung des Web 2.0 hinsichtlich des Alters der Befragten gibt, ist auch nicht damit zu rechnen, dass sich dies durch “Generationswechsel” automatisch ändern wird, wie u.a. auch unser aktuelles Forschungsprojekt SMS (“Social Media in Science”) zeigt. Weitere Institutionen (bisher sind es 9 mit gut 1.000 Befragten) sind in diesem Projekt übrigens herzlich willkommen.

    Aus unserer Sicht hat diese Stagnation vor allem systemische Gründe. Die beim Stifterverband erschienene Trendstudie (2011) beschreibt diese Notwendigkeit eines Kulturwandels, der zum einen durch forschungs- und förderpolitische Maßnahmen flankiert werden muss, zum anderen durch Qualifikation, also mittelfristig eine curriculare Verankerung dieser Themen und kurzfristig durch passende Weiterbildungsangebote.

    Viele (Wissenschafts-)Verlage (s.o.) sowie die eine oder andere große Forschungseinrichtung (mit entsprechenden Kommunikationsressourcen) bilden bisher noch (im positiven Sinne) eine Ausnahme in der deutschen Wissenschaftskommunikation, wenngleich auch diese wenigen Beispiele nahezu ausnahmslos nicht auf die breite Masse der Wissenschaftler übertragbar ist. Die “flächendeckende” Übertragung solcher viel versprechender Ansätze auf die Academia ist und bleibt deshalb die eigentliche Herausforderung.

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