Barcamp als neuer Weg für Wissenschaftstagungen

Sessionsplanung auf einem Barcamp. Foto: tara hunt, wikipedia.de, CC-BY-SA

Sessionsplanung auf einem Barcamp. Foto: tara hunt, wikipedia.de, CC-BY-SA

Letzten Freitag fand in München die Tagung “Weblogs in den Geisteswissenschaften oder: Vom Entstehen einer neuen Forschungskultur” (den Bericht können Sie hier nachlesen) statt – eine vortragsorientierte Konferenz mit leider wenig Zeit für größere Diskussionen.

Nun machte ich mir in den letzten Tagen Gedanken, wie man neue Wege in der wissenschaftlichen Konferenzgestaltung gehen könnte und blickte auf Tagungen in anderen Branchen zurück, die ich in den letzten Monaten besuchte. Plötzlich fielen mir die Schuppen von den Augen. Warum nicht einmal neue Tagungsformen außerhalb der Wissenschaft für sich adaptieren und anpassen?

Im letzten Jahr besuchte ich einige Barcamps (Buchcamp, StartCamp in Köln beispielsweise). Diese Tagungsform könnte man auch gut in der Wissenschaft nutzen, um mehr Freiraum für intensivere Diskussionen, Austausch für die Teilnehmer zu schaffen.

Was ist ein Barcamp?


In der Regel sind Wissenschaftskonferenzen klassisch vortragszentriert aufgebaut. In Panels werden thematisch Vorträge zu einzelnen Punkten des Konferenzthemas gehalten. Nur wenig Zeit bleibt für Diskussionen, meist für Nachfragen, Verständnisfragen oder kurze Anmerkungen der Teilnehmer. Teilweise gibt es eine Abschlußdiskussion, die jedoch oft auch nur die Möglichkeit zum Anreißen von Themen bietet. Wie man sieht, ist ein intensiver Austausch nur bedingt während der Tagung möglich, meist findet er inoffiziell während der Kaffeepausen statt.

Eine andere Variante, jedoch weniger oft genutzt ist der Workshop. Die eingeladenen Referenten halten einen Vortrag, es bleibt etwas mehr Zeit zur Diskussion. Dennoch orientiert sich auch die Workshop-Variante an der großen Schwester vortragsorientierte Tagung.

Ein wissenschaftliches Barcamp würde nun neue Wege und Möglichkeiten für eine Wissenschaftskonferenz eröffnen. Ein Barcamp ist laut Wikipedia eine Unkonferenz. Die Teilnehmer treffen sich, schlagen selbst und nicht der Veranstalter, der Referenten dazu einlädt, vor Ort Themen für Vorträge, Workshops, Diskussionsrunden vor, stimmen gemeinsam darüber ab, der Veranstalter organisiert nach Zuspruch zu den Sessions die Reihenfolge dieser und dann geht es mit der Tagung los. Auf den bisherigen Barcamps, die ich besuchte, kam diese neue Form sehr gut an und schuf neue Ideen und einen intensiven Austausch.

Wie sollte die Adaption für den Wissenschaftsbereich aussehen?

Nun kann diese sehr freie und ursprüngliche Variante des Barcamps Wissenschaftler befremden, die an ein vorgegebenes Tagungsprogramm gewöhnt sind. Eine Adaption der Barcampform an die Gewohnheiten und Anforderungen der Wissenschaftler ist unbedingt notwendig. Wie könnte diese aussehen?

Zunächst einmal könnte man schon vor ab thematische Panels einrichten, in denen geplante und spontan vorgestellte Sessions zugeordnet werden. Es bietet sich an, diese Panels bzw. Sessions moderierend zu begleiten. Jedes Panel könnte mit einem eingeladenen Referenten beginnen, der in das Thema einführt. Auf einer Plattform wie mixxt.de können Teilnehmer schon vorab ihre Sessionthemen vorschlagen bzw. diese diskutiert und abgestimmt werden. So erhalten die Organisatoren ein erstes Feedback bzw. mehr Planungssicherheit. Natürlich können dann in der Auftaktveranstaltungen spontan weitere Sessions vorgeschlagen werden. Die Vorstellung sollte kurz in maximal 2 Minuten erfolgen. Danach wird über die Sessions abgestimmt, die Rückmeldung aus der Community vorab fließen mit ein. Eine Organisation der Sessions auf die Timeslots bzw. Räume erfolgt nach der Teilnehmerzahl für die einzelnen Sessions.

Innerhalb der Sessions können die Veranstaltungsformen von reinen Vorträgen, über Diskussionsrunden bis zu kleinen Workshops variieren. Jede Session wird von einem Mitglied der Tagungsorganisation geleitet und im Sinne der Zeiteinteilung etc. moderiert. Die Moderatoren fassen auf einer Abschlußveranstaltung die Ergebnisse der Sessions in Fünfminutenvorträgen kurz zusammen. Video- oder Tonaufzeichnungen beliebter Sessions wäre ein Schmankerl.

Barcamps lassen viele Abstufungen zwischen Planung und spontanen Sessions zu. Man kann die Anzahl freier Sessions vorher auch festlegen und sich langsam an diese Tagungsform herantasten.

Universitäten und Forschungseinrichtungen bieten den nötigen Raum für solch eine Konferenz. Jeder Teilnehmer kann nach eigenem Interesse und Vorliebe selbst entscheiden, wie er an der Tagung teilnimmt: passiv als reiner Zuhörer oder mit aktivem Anteil von Diskussionen in einer Session bis zum Abhalten einer eigenen. Barcamps eignen sich vor allem für Wissenschaftskonferenzen, die weniger auf reine Berichterstattung, vielmehr auf Vernetzung der Teilnehmer und Erarbeitung neuer Ideen ausgelegt sind. Mit den verschiedenen Mitteln von Social Media kann man die Tagung organisatorisch unterstützen, während dessen begleiten und nachbereiten (Videos auf Youtube hochladen, mit einem Blog auf Tumblr etc. vorab bewerben etc.). Letztlich ist ein Barcamp eine Weiterentwicklung der Call-for-Papers-Tagungen. Natürlich gehört ein Einlassen auf Spontanes, Unvorhergesehenes von allen dazu. Jedoch birgt diese gerade den kreativen, spannenden Freiraum für neue Ideen, Erkenntnisse und Vernetzungen.

Was meinen Sie dazu?

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Über Wenke Bönisch

Wenke Bönisch arbeitet heute nach einer beruflichen Station in einem Wissenschaftsverlag (Autorenbetreuung, Satz und Social Media) als Freiberuflerin u. a. für den Ulmer Verlag (http://socialmedia.ulmer.de), für die Frankfurter Buchmesse sowie für den Digitalisierungsdienstleister Editura (http://editura.de) im Social Media Bereich. Neben Social Media beschäftigt sie sich mit den Themen elektronisches Publizieren, Wissenschaft, Open Access und Neue Medien. Zu ihren entsprechenden Projekten hält sie dazu auch Workshops, Vorträge und Seminare. Unter den Namen @digiwis (http://twitter.com/digiwis) twittert sie (fast) täglich. Auf ihrer Website http://digiwis.de bloggt sie zu ihren Tätigkeitsschwerpunkten.
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4 Antworten auf Barcamp als neuer Weg für Wissenschaftstagungen

  1. Wenke Bönisch sagt:

    Maria Rottler hat mir den Link zum THATCamp (http://switzerland2011.thatcamp.org/about/) zugeschickt. das im letzten Jahr in der Schweiz als wissenschaftliches Barcamp organisiert wurde. Herzlichen Dank für den Hinweis! Ich freue mich, daß diese Tagungsform schon einmal ausprobiert wurde.
    Wer war dort und hat teilgenommen? Wer kennt andere wissenschaftliche Barcamps und kann von seiner Erfahrung mit ihnen berichten?

  2. … und wer in München gleich ein weiteres Barcamp (“Wissenschaft” ist hier nur ein Thema von vielen) besuchen möchte, ist bei der Tagung “aufbruch. museen und web 2.0″, sowie dem anschließenden stARTcamp (=Barcamp) herzlich willkommen: 20./21.04.2012. Weitere Informationen und Anmeldung: http://aufbruch2null.blogspot.de/2012/03/tagung-und-startcamp-theorie-und-praxis.html

  3. Wenke Bönisch sagt:

    Am 19.3. berichtete Deutschlandfunk über das EduCamp und die Form des Barcamps: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/campus/1707891/

  4. Pingback: Linktipps der Woche 12/2012: Digitale Wissenschaftskommunikation, EduCamp und Google+ Timing | Wissenschaft und neue Medien

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