Tagung “Weblogs in den Geisteswissenschaften”: wir stehen erst am Anfang!

Cornelius Puschmann bei seinem Vortrag auf der Tagung "Weblogs in den Geisteswissenschaften". Foto: Wenke Bönisch

Cornelius Puschmann bei seinem Vortrag auf der Tagung "Weblogs in den Geisteswissenschaften". Foto: Wenke Bönisch

Letzten Freitag, 9. März 2012, fand im altehrwürdigen Rahmen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München die Tagung “Weblogs in den Geisteswissenschaften oder: Vom Entstehen einer neuen Forschungskultur”, eine Tagung des Deutschen Historischen Instituts Paris und des Instituts für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München zum Start des Blogportals de.hypotheses.org (Digital Humanities am DHIP #4), mit finanzieller Unterstützung von L.I.S.A. – Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung und der Stiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland(DGIA), statt.

Ziel der Tagung war es, das Potential wissenschaftlichen Bloggens für die Geisteswissenschaften herauszuarbeiten und Fragen nach Akzeptanz, Zielsetzung etc. nachzugehen. Mehr als 110 Teilnehmer hatten sich zur Konferenz angemeldet,  laut de.hypotheses.org sind ca. 130 Teilnehmer gekommen. Unter ihnen waren die Creme de la Creme der geisteswissenschaftlichen Blogger und Social Medians vorhanden (schon aus dieser kleinen Zahl erkennt man, daß nur eine Handvoll Geisteswissenschaftler bloggen).

Dieser Fakt und das Veranstaltungsprogramm versprachen einen interessanten und diskussionsgeladenen Tag. Die Vorträge am Vormittag waren den Wissenschaftsblogs generell (Cornelius Puschmann: Was ist ein Wissenschaftsblog? Form, Funktion und Ökonomie einer emergenten Kommunikationsform), den Erfahrungen im Wissenschaftsbloggen (Dr. Melissa Terras: Whispers into the Void: Personal Reflections on Academic Blogging) und den Erfahrungen aus den naturwissenschaftlichen Disziplinen (Marc Scheloske: Wege aus der Nische: Was man von erfolgreichen (Natur-)Wissenschaftsblogs lernen kann) gewidmet.

Höhepunkt des Vormittages war die Einweihung der geisteswissenschaftlichen Blogging-Plattform de.hypotheses.org durch Mareike König, die nun allen geisteswissenschaftlichen Bloggern für einen eigenen Blog zur Verfügung steht. Mit einer redaktionellen Betreuung der Blogger (Hilfestellungen, Auswahl der Blogartikel auf der Startseite) und der Vergabe einer ISSN für jeden Blog sowie der Social Media Unterstützung durch die Plattform erhalten alle interessierten Geisteswissenschaftler eine breit angelegtes Serviceangebot, das verlockend ist.

Am Nachmittag berichteten Eva Pfanzelter (Blogging the Holocaust), Klaus Graf (Wissenschaftsbloggen in Archivalia & Co.) und Georgios Chatzoudis (Wissenskommunikation im Netz: Interaktivität als Herausforderung am Beispiel von „L.I.S.A. – Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung“) über ihre eigenen Blogerfahrungen. Den Abschluß am frühen Abend bildeten die beiden Vorträge von Hubertus Kohle (Open Peer Review: eine Möglichkeit zur Qualitätssicherung bei Wissenschaftsblogs?) und Peter Haber (Aufbruch in eine neue Wissenschaftskultur? Wohin treibt die wissenschaftliche Blogosphäre?).

Was ist mein Eindruck von der Tagung, den Diskussionen und dem Stand der Geisteswissenschaften in der Blogospähre?

Die Vorträge und leider sehr kurzen Diskussionen dazwischen (letztlich konnten nur kurze Anmerkungen oder Verständnisfragen vom Publikum aufgeworfen werden, für echte Diskussionen war leider keine Zeit, auch nicht in der Abschlußdiskussion, was ich sehr bedauerte) zeigen, daß die Geisteswissenschaft in der Frage Bloggen mehr als nur am Anfang steht. Wir sind noch dabei, den ersten, zögerlichen Schritt zu tun, an die nächsten wurde auch auf der Tagung nicht im Ansatz gedacht.

Es bestand ein großer Konsens darüber, daß Bloggen in den Geisteswissenschaften nicht nur skeptisch, sondern auch ablehnend betrachtet wird, es jedoch ein großes Potential in sich birgt. Zwar wurden die Chancen des Bloggens zwischen Öffentlichkeitsarbeit, eigenes Notizbuch, Experimentierfeld in den Diskussionen genannt, jedoch die daraus folgenden Konsequenzen in der Handhabung nicht weiter vertieft. Leider gab es auch keine intensivere Diskussion, warum sich Geisteswissenschaftler dem Bloggen so verschließen. Schlagwörter wie Generationswechsel, Zeitfrage tauchten auf, aber erst eine tiefere Erörterung hätte letztlich zu Rezepten für ein positives Bild von Bloggen führen können. Die eintägige Tagung ließ dies zeitlich nicht zu, wäre aber für Nachfolgeveranstaltungen wünschenswert.

Völlig unangesprochen blieben die weiteren Schritte beim Bloggen: wieviel Social Media wie Twitter, Facebook, Youtube, Slideshare oder Google+ braucht man als Wissenschaftsblogger? Sollte man sich eine Online-Strategie aufbauen, wenn ja, wann? Ist Monitoring notwendig, welche Möglichkeiten gibt es? Wie kann man Bloggen und Social Media effektiv in seinen Alltag integrieren? Was nützt globale Vernetzung im Netz für mein alltägliches Forschen (vor Ort)? Entwickeln sich aus Bloggen neue wissenschaftliche Publikationsformen? Wie verschafft man wissenschaftlichem Bloggen/Social Media mehr Akzeptanz bei den Kollegen? Wie verändern sich das wissenschaftliche Schreiben im Internet? Brauchen wir SEO für Wissenschaftler? Wieviel “Ich” darf sich ein Wissenschaftler im Netz erlauben? Wie vereinbart mit persönliches Engagement eines Wissenschaftlers mit der Öffentlichkeitsarbeit seiner Institution? Erschließen sich womöglich durch Social Media neue Einkommensmöglichkeiten für Wissenschaftler?

Da Bloggen und Social Media u. a. zu meinen beruflichen Tätigkeiten gehören, war ich erstaunt, daß diese Fragen nicht automatisch kamen. Ich merkte schnell, daß ich zu intensiv in der Materie stecke, viele dort noch nicht angekommen sind. Solche Situationen sind gut, um sich selbst wieder in ein rechtes Maß zu den anderen zu rücken. Mir stellt sich jetzt die Frage, wie schafft man einerseits eine gute Ausgangsbasis für wissenschaftliches Bloggen (Akzeptanz, Routine) und kann andererseits in einem nächsten Schritt dies professionalisieren? Auf jeden Fall habe ich mich sehr über die vielen persönlichen Begegnungen gefreut. Sie waren für mich sehr wertvoll!

Ich möchte mich recht herzlich bei den Veranstaltern für die mich zum Nachdenken anregende Tagung und die perfekte Organisation sowie bei allen Teilnehmern für die interessanten, persönlichen Begegnungen bedanken!

Mein persönliches Fazit: Noch wird in den Geisteswissenschaften punktuell, nur von wenigen Wissenschaftlern eher nach persönlichem Duktus gebloggt. Es hat sich nicht in der  wirklich breiten Masse durchgesetzt. Professionalisierung ist noch nicht einmal am Horizont zu sehen. Es gibt viel zu tun!

Im Redaktionsblog auf de.hypotheses.org gibt es eine kontinuierliche Nachlese der Berichterstattung.

Auf Storify habe ich einmal mit Tweets und Links versucht, einen Eindruck von der Tagung abzubilden:

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Über Wenke Bönisch

Wenke Bönisch arbeitet heute nach einer beruflichen Station in einem Wissenschaftsverlag (Autorenbetreuung, Satz und Social Media) als Freiberuflerin u. a. für den Ulmer Verlag (http://socialmedia.ulmer.de), für die Frankfurter Buchmesse sowie für den Digitalisierungsdienstleister Editura (http://editura.de) im Social Media Bereich. Neben Social Media beschäftigt sie sich mit den Themen elektronisches Publizieren, Wissenschaft, Open Access und Neue Medien. Zu ihren entsprechenden Projekten hält sie dazu auch Workshops, Vorträge und Seminare. Unter den Namen @digiwis (http://twitter.com/digiwis) twittert sie (fast) täglich. Auf ihrer Website http://digiwis.de bloggt sie zu ihren Tätigkeitsschwerpunkten.
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11 Antworten auf Tagung “Weblogs in den Geisteswissenschaften”: wir stehen erst am Anfang!

  1. Pingback: Weblogs in den Geisteswissenschaften: über Goldstandards, digitale Gräben und neue Hypothesen : iliou melathron

  2. Pingback: Blogs als neue Forschungskultur? | sicherheitspolitik-blog.de

  3. Danke für den sehr ausführlichen Multimedia-Bericht! Ich teile die Ansicht, dass viele wichtige praktische Fragen nicht thematisiert wurden. Aber das liegt m.M. nach nicht am mangelnden Professionalisierungsgrad der Teilnehmenden, sondern am Format der Veranstaltung. Das war eben ein podiums-zentriertes Vortrags-Setting, sogar mit Festakt! Eine intensive Fachdebatte zu praktischen Fragen ist da fast ausgeschlossen. Dazu bräuchte es eher ein intimeres workshop-Umfeld. Der theorieblog hat vor einem Jahr mal so etwas veranstaltet, das war zwar auch kurz, aber intensiv: http://www.theorieblog.de/index.php/2011/04/blogs-in-den-sozialwissenschaften/

    • Wenke Bönisch sagt:

      Hm, das stimmt schon. Nur bezog sich die Frage der Professionalisierung nicht nur auf die Veranstaltung selbst, sondern auch auf mein Gefühl in den Gesprächen dort bzw. für mich als Erkenntnis aus den Anmerkungen dortiger Fragen, Diskussionen bzw. auch in anderen Kontexten als in der Veranstaltung.

  4. ankrjoe sagt:

    Danke, der bisher beste Rückblick auf die Tagung, finde ich!
    Deinen Eindruck, dass viele Fragen nicht gestellt wurden bzw. offen blieben, teile ich auch. Mich beschäftigt vor allem, wie und wann das Bloggen oder, allgemeiner: die Vermittlung von Wissenschaft im Netz, stärker als Teil der wissenschaftlichen Karriere wahrgenommen und honoriert wird. Denn das scheint mir neben den wichtigen technischen Vorbedingungen entscheidend zu sein. Das hat Hubertus Kohle in seinem Vortrag über open peer review zwar kurz angesprochen, aber es ließe sich durchaus vertiefen.

    Was m.E. fehlt ist eine Praxis der vielen (GeisteswissenschaftlerInnen), die nicht fragen: „Was bringt mir das?“ sondern die die „neue“ dialogische Freiheit im Netz suchen und sich zueigen machen. Wenn wir da, sozusagen bottom up, nicht nur early adopters zuschauen dürfen, sondern selbst Teil eines Netzwerkes sind und die Vorteile erleben, werden Institutionen irgendwann auch nachziehen.
    Bleibt nur die Frage der Zeit: „Wann mache ich das alles?“ Aber das muss jede/r selbst für sich entscheiden.
    Auf jeden Fall wünsche ich mir eine Nachfolgeveranstaltung, auf der die (hoffentlich massenweise kommenden) deutschen Hypotheses-BlogerInnen von ihren Erfahrungen berichten.

    So long, Jan

    • Wenke Bönisch sagt:

      Danke. Ja, eine weitere Veranstaltung für intensivere Diskussionen wäre toll. Vielleicht ist die Form eines Barcamps dafür am besten geeignet, um genügend Zeitraum für Diskussionen und Vorträge unterschiedlicher Coleur (Wissensstufen z. B.) zu lassen.
      Zur Frage “wann mache ich alles?” gibt es schon zahlreiche Ansätze und Überlegungen aus dem Social Media Bereich, die man recht einfach fürs eigene wissenschaftliche Feld adaptieren kann. Dahinter verbirgt sich natürlich die Frage nach dem Ziel und der Strategie.

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  7. Pingback: Barcamp als neuer Weg für Wissenschaftstagungen | Wissenschaft und neue Medien

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  9. Pingback: Bloggen in der Wissenschaft | Kultur2Punkt0

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