Anregendes Standardwerk für die Ausbildung von Historikern: Rezension zu “Digitale Arbeitstechniken für die Geistes- und Kulturwissenschaften” von Martin Gasteiner/Peter Haber (Hrsg.)

2010 erschien in der Reihe UTB-Schlüsselkompetenzen aus dem Kooperationsverlag Böhlau das Handbuch “Digitale Arbeitstechniken für die Geistes- und Kulturwissenschaften”, herausgegeben von Martin Gasteiner und Peter Haber, das ich nun endlich in Ruhe mir durchgelesen habe und hier besprechen möchte.

Online-Fachzeitschriften und -Rezensionen, eBooks, Datenbanken, spezielle Social Networks für Wissenschaftler, digitale Editionen, Apps sind einige wenige Schlagworte, die für den Umbruch in der Wissenschaft seit dem Beginn des Digitalen Zeitalters stehen. Dieser kommt nun langsam auch in der konservativ geprägten Geschichtswissenschaft an. Da zahlreiche Historiker noch in traditionellen Bahnen forschen und publizieren sowie mit einer skeptischen Haltung den neuen digitalen Medien sowie ihren Anwendungsmöglichkeiten – so mein Eindruck – gegenüberstehen bzw. zahlreiche Fragen dazu offen sind, ist ein solches Handbuch für die Aus- und Weiterbildung absolut notwendig. Der Titel und die beiden Herausgeber, die in beiden (digitaler und traditioneller) Welten erfolgreich sind, versprechen dem Leser eine spannende Lektüre. Die Frage ist nun, ob dieses Versprechen auch mit der Auswahl der beitragenden Autoren und ihren Beiträgen eingehalten wird?

Diese Frage läßt sich mit einem klaren Ja beantworten. Umfangreich und fast alle Aspekte des Forschens und Publizierens im digitalen Zeitalter werden im inhaltlichen Aufbau dieses Sammelbandes abgebildet: von der Themenfindung, über das Schreiben bzw. über hilfreiche Programme für das Cowriting, über die Recherche von Texten und Bildern, über die neuen Zitierformen, die durch das digitale Publizieren notwendig sind, über das Urheberrecht, über das Thema Plagiat, über die Möglichkeiten und Vorteile des Peer Review im Online-Bereich, über das Publizieren, über Open Access, über digitale Editionstechniken bis hin zu den Möglichkeiten von Geographischen Informationssystemen.

Entsprechend versierte Autoren konnten die beiden Herausgeber für die Themen finden, z. B. Jan Hodel (Mitblogger von hist.net), Uwe Müller (Open Access), Raghavan Manmatha (Bildrecherche im Netz), die mit ihren Lektüreempfehlungen (positiv hervorgehoben seien die vielen Online-Empfehlungen) zu einer weiteren Beschäftigung mit den Themenfeldern des Buches anregen. Empfehlenswert wären noch Beiträge zu Social Networks bzw. Social Media für Wissenschaftler oder Literaturverwaltungsprogramme – speziell wie Lit-Link für Historiker – gewesen. Vielleicht werden diese Themen in einer zweiten Auflage, die dem Buch zu wünschen wäre, ergänzt.

Auch wenn ich fast alle Sammelbeiträge aufgrund ihres fundierten und überblicksartigen Zuschnitts loben möchte, so muß ich an dieser Stelle den Artikel von Olaf Blaschke, Vom Papier zum Pixel? Das geistes- und kulturwissenschaftliche Buch im digitalen Zeitalter, kritisieren. Blaschke, der nach seinem Geburtsdatum und seiner wissenschaftlichen Ausbildung der mittleren Generation angehört, plädiert für eine klassische Printpublikation in einem “richtigen Verlag” (was ist ein richtiger Verlag?) und gegen andere Varianten des wissenschaftlichen Publizierens. Dieser Beitrag steht idealtypisch für die ablehnende Haltung zahlreicher Historiker gegenüber neuen Chancen und Möglichkeiten des digitalen Publizierens, wobei Standardargumente dafür herangezogen werden. In seiner negativen Grundhaltung steht Blaschkes Artikel diametral zur Konzeption des Buches – leider. Natürlich muß man in eine offene Diskussion zu solchen Positionen treten, zerstören jedoch in einem Handbuch über digitale Arbeitstechniken den Sinn desselbigen. Hier wäre ein neutraler, alle Varianten des Publizierens aufzeigender Beitrag angebrachter gewesen.

Trotz dieses Kritikpunktes ist abschließend festzuhalten, daß dieses Buch mit seinem fundierten Überblick über den jetzigen Stand digitaler Arbeitstechniken in den Geistes- und Kulturwissenschaften schon jetzt jedem Studenten der Geschichts- bzw. Kulturwissenschaft in den ersten Semestern zur Pflichtlektüre mitgegeben sowie zur Fort- und Weiterbildung herangezogen werden sollte. Wenn nur ein Bruchteil der Anregungen, die die Autoren des Bandes dem Leser mitgeben, in der Geschichtswissenschaft umgesetzt werden würde, würde sie endlich das digitale Forscherzeitalter erreichen und einen qualitativen Sprung in ihrer Wissenschaft machen. Genau solche Bücher und eine offene Diskussion bzw. gegenüber den neuen digitalen Arbeitstechniken aufgeschlossenen Historikern brauchen wir für die Weiterentwicklung der Geschichtswissenschaft!

Schade ist, daß dieses Buch lediglich in einer Printversion erhältlich ist. Eine Erweiterung um ein Austauschforum bzw. Webseite sowie als eBook für schnellere Aktualisierungen hätten der Konzeption des Sammelbandes sehr gut entsprochen.

Ich vergebe in der Endbeurteilung 5 von 5 Sternen.

Martin Gasteiner/Peter Haber (Hrsg.): Digitale Arbeitstechniken für die Geistes- und Kulturwissenschaften, 269 S., 7 Abb., UTB / Böhlau Wien 2010, ISBN: 978-3-8252-3157-6,  EUR 19,90 (D).

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Über Wenke Bönisch

Wenke Bönisch arbeitet heute nach einer beruflichen Station in einem Wissenschaftsverlag (Autorenbetreuung, Satz und Social Media) als Freiberuflerin u. a. für den Ulmer Verlag (http://socialmedia.ulmer.de), für die Frankfurter Buchmesse sowie für den Digitalisierungsdienstleister Editura (http://editura.de) im Social Media Bereich. Neben Social Media beschäftigt sie sich mit den Themen elektronisches Publizieren, Wissenschaft, Open Access und Neue Medien. Zu ihren entsprechenden Projekten hält sie dazu auch Workshops, Vorträge und Seminare. Unter den Namen @digiwis (http://twitter.com/digiwis) twittert sie (fast) täglich. Auf ihrer Website http://digiwis.de bloggt sie zu ihren Tätigkeitsschwerpunkten.
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2 Antworten auf Anregendes Standardwerk für die Ausbildung von Historikern: Rezension zu “Digitale Arbeitstechniken für die Geistes- und Kulturwissenschaften” von Martin Gasteiner/Peter Haber (Hrsg.)

  1. Christof Schöch sagt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag, ich teile die Einschätzung zum Beitrag von Olaf Blaschke, der mir bei der Lektüre des Bandes auch negativ aufgefallen war, weil er nicht recht in die Konzeption des übrigen Bandes passt.

  2. Pingback: Publikation eines neuen wissenschaftlichen Aufsatzes und erste Eindrücke von recensio.net | Wissenschaft und neue Medien

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