Warum bloggen so wenige Nachwuchswissenschaftler in Deutschland?

Foto: Gerd Altmann, pixelio.deVor ein paar Wochen erschien auf L.I.S.A. ein Interview mit Dr. Mareike König, Historikerin und Leiterin der Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Paris (DHIP). In dem lesenswerten Interview weist König auf die zahlreichen wissenschaftlichen Blogs in Frankreich hin, die zahlreich gelesen werden.

Auf die Frage nach den Gründen, warum in Deutschland Bloggen bei (Nachwuchs-)Wissenschaftlern noch nicht weit verbreitet ist, gibt sie folgende Antwort:

Eine Studie über Geisteswissenschaftler und das Web 2.0, die die Zurückhaltung belegen und evtl. Gründe auch für nationale Unterschiede liefern könnte, steht aber noch aus, so dass wir hier auf Beobachtungen und Vermutungen angewiesen sind. Bei anderen Web 2.0-Funktionen ist es vielleicht auch eine Frage des Arbeitsablaufes der Wissenschaftler, der bei der Erarbeitung dieser Dienste nicht genügend berücksichtigt wurde. Patrick Danowski hat das mit seiner Kritik am Social tagging für Bibliothekskataloge deutlich gemacht. Der Nutzen dieser Anwendungen für die Wissenschaftler muss deutlich werden. Alleine aus Altruismus versieht niemand einen ganzen Bibliothekskatalog mit freien Schlagwörtern.

Schließlich ist bei den Geisteswissenschaftlern das Teilen und gemeinsame Arbeiten nicht weit verbreitet. Historiker beispielsweise „schützen“ ihre Quellen und sind oft nicht bereit, diese auch anderen zur Verfügung zu stellen. Das gilt für den analogen wie für den digitalen Bereich: So manche Archivare blockieren einen kompletten Bestand für den Zugriff durch andere, weil sie selbst darüber einen Arbeit veröffentlichen wollen. Das bringt natürlich die Forschung nicht weiter. Hier ist ein Umdenken erforderlich, weg von der Konkurrenz hin zur Zusammenarbeit, das dann einsetzen wird, wenn sich die guten Erfahrungen mit kollaborativem Arbeiten oder auch mit crowdsourcing häufen werden. Vielleicht werden dann auch Geisteswissenschaftler das „sozial“ im Begriff soziale Medien wörtlich nehmen.

In der Antwort steckt sehr viel Wahres drin. Als ich in den letzten Wochen mit der Fertigstellung meiner Dissertation beschäftig war und immer noch bin, fiel mir beim Lesen der Promotionsordnung meiner Fakultät an der Universität Leipzig folgender Satz unter § 7 (Anforderungen an die Dissertation) auf:

Die Dissertation muss als selbständige wissenschaftliche Leistung neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu dem behandelten Thema bringen und zur Veröffentlichung geeignet sein.

Vielleicht liegt hier neben den oben zitierten Gründen ein weiterer ür die Zurückhaltung beim Bloggen. Wenn Nachwuchswissenschaftler über ihr Dissertationsthema bloggen, sind Erkenntnisse schon vorab veröffentlicht, also nicht mehr neu. Inwiefern wird dann noch die Anforderung der Promotionsordnung erfüllt?

Natürlich ist dieses Problem keins, daß sich ausschließlich auf das Bloggen bezieht. Schon immer ist es eine Gratwanderung, wenn Nachwuchswissenschaftler zu einer Konferenz eingeladen werden, um dort über ihr Thema zu referieren. Zugleich wird auch erwartet, daß sie in einschlägigen Zeitschriften und Tagungsbänden publizieren.

Doch wo liegt der Unterschied zum Bloggen? Verschärft Bloggen das Problem? Ich denke ja, denn bloggen heißt, regelmäßig über ein Thema zu schreiben, teilweise detaillierter als in Printpublikationen (mehr Platz, Kontinuität) oder auch mit Errata und Herantasten behaftet. Es ist ein Protokollieren der eigenen Forschungsarbeit, kein abgeschlossenes Werkstück.

Ich denke, wenn juristisch ganz klar der obere Satz aus der Promotionsordnung hinsichtlich des Bloggens geklärt werden würde, gäbe es für Nachwuchswissenschaftler mehr Sicherheit fürs Bloggen. Vielleicht bloggen dann sie mehr.

 

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Über Wenke Bönisch

Wenke Bönisch arbeitet heute nach einer beruflichen Station in einem Wissenschaftsverlag (Autorenbetreuung, Satz und Social Media) als Freiberuflerin u. a. für den Ulmer Verlag (http://socialmedia.ulmer.de), für die Frankfurter Buchmesse sowie für den Digitalisierungsdienstleister Editura (http://editura.de) im Social Media Bereich. Neben Social Media beschäftigt sie sich mit den Themen elektronisches Publizieren, Wissenschaft, Open Access und Neue Medien. Zu ihren entsprechenden Projekten hält sie dazu auch Workshops, Vorträge und Seminare. Unter den Namen @digiwis (http://twitter.com/digiwis) twittert sie (fast) täglich. Auf ihrer Website http://digiwis.de bloggt sie zu ihren Tätigkeitsschwerpunkten.
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4 Antworten auf Warum bloggen so wenige Nachwuchswissenschaftler in Deutschland?

  1. Markus Trapp sagt:

    Die Angst, zu Veröffentlichendes vorab mitzuteilen, mag für einen Teil der Wissenschaftler zutreffen, die die Chance in Blogs zu kommunizieren und somit aktiv an der Informationsgesellschaft teilzuhaben, nicht zu nutzen. Aber ich befürchte, es ist ein grundsätzliches Ressentiment gegenüber dem Medium Blog – gepaart, wie so oft bei Ressentiments, mit Unverständnis und der Furcht, sich der Kritik durch einen nicht persönlich bekannten Kreis von Experten stellen zu müssen. Es bloggen ja auch – zumindest im deutschsprachigen Raum viel zu wenig Wissenchaftler, die gerade nicht dabei sind ihre Dissertation oder Habil zu schreiben.

    Aber der angesprochenen Punkt, dass die jeweilige Promotionsordnung ein zusätzliches Hemmnis darstellen kann, ist sicher auch zutreffend.

  2. Julius sagt:

    Ich kann dir, Wenke, nur recht geben. Im Grunde sollte nichts dagegen sprechen, vorab veröffentlichte Artikel in einer Doktorarbeit zu bündeln, schließlich sind es noch immer die eigenen Forschungserkenntnisse und die eigene wissenschaftliche Leistung.

  3. Wenke Richter sagt:

    Auf Google+ gibt es dazu einen weiteren Diskussionsstrang mit lesenswerten Beiträgen: https://plus.google.com/u/0/100736460470701872311/posts/1nWvctAtRGZ

  4. Pingback: Vom Ausstellungsmacher zum Informationskurator : iliou melathron

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