Google Book Settlement ist gescheitert – wie geht es mit großen Digitalisierungsprojekten weiter?

Google Logo, Quelle: mallox, flickr.com

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Das Google Book Settlement, wie es zur Zeit als Opt-out-Verfahren angedacht ist, ist von Richter Denny Chin abgelehnt worden (hier kann der 48seitige Text zusammengefaßt werden). Zusammengefaßt begründet Chin seine Entscheidung, daß Google mit dem Verfahren und den Buchdigitalisaten, die es ohne Zustimmung der Urheber erstellte, einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber Konkurrenten hätte. Wenn Richter Chin dieser Übereinkunft zugestimmt hätte, wäre Google letztlich für seine Urheberrechtsverletzungen belohnt worden.

Worum ging es beim Google Book Settlement? Google will mit seinem Projekt Google Books/Google Bücher das Wissen der Welt in digitaliserter Form (Volltexte) zugänglich machen. Aus zwei Quellen speist sich das Projekt:

a) Kooperationen mit Verlagen, die Google letztlich ihre Werke als PDF zur Verfügung stellen, von Google eingescannt werden und nur zu einem geringen Teil offen zugänglich gemacht werden. Die Verlage nutzen Google Bücher als Marketinginstrument (im Sinne einer Leseprobe).

b) Kooperationen mit Bibliotheken (Google Library): Bibliotheken stellen Google ihre Bestände zur Digitalisierung zur Verfügung.

Bei letzterem Weg entstanden eine Vielzahl an Problemen: waren hauptsächlich gemeinfreie Werke bei den Bibliotheksbeständen anvisiert wurden, wurden verwaiste oder auch urheberrechtlich geschützte Werke eingescannt und digitalisiert worden ohne vorher das Einverständnis der Urheber oder Nutzungsrechtsverwerter einzuholen – man konnte schließlich ja nicht wissen, daß in Bibliotheken auch Bücher jüngeren Datums liegen ;-). Daraufhin entbrannte nicht nur ein Sturm der Entrüstung (Heidelberger Appell), sondern auch Klagen gegen Google wegen Urheberrechtsverstößen. Nun eben das Urteil, das ohne Zweifel zu begrüßen ist. Zahlreiche Buchbranchenblätter und Blogs schreiben euphorisch über das Urteil, der Börsenverein feiert den Tag als wichtigen des Urheberrechtes und führt die Entscheidung Chins teilweise auch auf den massiven Protest u. a. von Börsenverein und VG Wort zurück (am Ende des Blogs gibt es eine Auswahl an Links zu Stimmen aus der Netzwelt).

Begrüßt wird die Ablehnung der Vereinbarung auch deshalb, weil die von Google angedachte Zahlung von 125 Millionen US-$ an die Rechteinhaber angesichts der Milliardengewinne des Konzern lächerlich klein sind.

Ohne Zweifel alles richtig. Und die Entscheidung des Richters unterstütze ich auch. Jedoch zeigt das ganze Verfahren zwei problematische Punkte deutlich auf:

Der Wunsch nach freiem Zugang zum Wissen der Welt (um es einmal euphorisch zu umschreiben) steckt in uns Menschen tief drin. Forscher nutzen intensiv Google Bücher, auch wenn sie wissen, daß der Konzern das Projekt keineswegs aus altruistischen Gründen ins Leben gerufen hat. Aber es nützt ihnen. Gleichzeitig wurden mit der Einscannung auch Urheberrechtsverstöße begangen. Denkt man die Forderung nach freien Wissenszugang weiter, stößt man auf den Konflikt Forderung-Urheberrecht. Reichen die Schranken im deutschen Urheberrecht aus? Brauchen wir eine Reform, die den Aspekt des freien Zugangs stärkt?

Bei Buchreport ist folgende Aussage vom Vorsteher des Börsenvereins Gottfried Honnefelder zu lesen:

,Das Scheitern des von Google angestrebten Vergleichs darf allerdings nicht bedeuten, das Ziel der Digitalisierung des kulturellen Erbes in Buchform aus dem Blick zu verlieren.‘ Daher werde man mit Bibliotheken, Autorenverbänden und der VG Wort weiter daran arbeiten, dass vergriffene und verwaiste deutsche Bücher im Internet zugänglich werden. So unterstütze und fördere der Börsenverein beispielsweise intensiv das Projekt der Deutschen Digitalen Bibliothek.

Ich bezweifle, daß dieses Projekt tatsächlich den Umfang und die Verbreitung erfährt wie Google. Es sind drei Gründe:

  1. mit 5 Mio. Euro liegen die finanziellen Mittel auf einem niedrigen Niveau
  2. das Austarieren der Interessen der verschiedenen Parteien ist ein langwieriger Prozeß
  3. die Volltexterschließung urheberrechtlich geschützter Werke über libreka! ist zwar ein gangbarer Weg, jedoch steht libreka! selbst in der Kritik. Libreka! konnte sich bisher als eBook-Plattform nicht behaupten, über die Zukunft wird mal mehr oder weniger diskutiert.

Es ist ein Dilemma! Aus Sicht des freien Zugangs ist Google Book begrüßenswert, auch weil dahinter ein Konzern steht, der die notwendigen massiven Geldmittel in das Projekt hineinfließen läßt und auch macht, nicht nur diskutiert (bei aller Kritik an Google Bücher wie Auswahl und Qualität der Digitalisate). Aus Sicht der Urheber, Autoren und Verwerter ist eine Digitalisierung ohne Zustimmung eine Rechtsverletzung.

Was folgt als weiterführende Erkenntnis aus dem Urteil?

  1. Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Diskussion über Urheberrecht und freien Zugang mit allen Beteiligten wie Autoren, Verlage, Bibliotheken, Forscher und breite Öffentlichkeit.
  2. Diese Diskussion sollte frei von Polemiken sein. Standpunkte sollte klar vertreten sein, wichtige Diskussionspunkte wie Wirtschaftlichkeit offen besprochen werden. Weg von alten Diskussionsmustern. Zuhören.
  3. Wir sollten auch offen benennen, daß Projekte wie Europeana und Deutsche Digitale Bibliothek als Konkurrenz zu Google Bücher in der bisherigen Form aufgrund Geldmangels und langer Zeitdauer nicht fähig sein werden. Dafür ist jetzt der Vorsprung Google zu groß.
  4. Nicht halbherzig, sondern mit voller Zustimmung muß ein Digitalisierungsprojekt wie Europeana und Deutsche Digitale Bibliothek angegangen werden. Nur so wird es seinen Erfolg haben.

Das Problem mit den Urheberrechtsverstößen bei Google Bücher ist heute nicht gelöst. Wohl wird es zu einem Opt-In-Verfahren im neuen Entwurf kommen, wie Richter Chin es vorschlug.

Auswahl an Netzbeiträgen zum Thema:

Update der Stimmen aus dem Netz:

Übersicht über Meldungen zu Google Book Settlement Entscheidung auch im VÖBBLOG.

 

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Über Wenke Bönisch

Wenke Bönisch arbeitet heute nach einer beruflichen Station in einem Wissenschaftsverlag (Autorenbetreuung, Satz und Social Media) als Freiberuflerin u. a. für den Ulmer Verlag (http://socialmedia.ulmer.de), für die Frankfurter Buchmesse sowie für den Digitalisierungsdienstleister Editura (http://editura.de) im Social Media Bereich. Neben Social Media beschäftigt sie sich mit den Themen elektronisches Publizieren, Wissenschaft, Open Access und Neue Medien. Zu ihren entsprechenden Projekten hält sie dazu auch Workshops, Vorträge und Seminare. Unter den Namen @digiwis (http://twitter.com/digiwis) twittert sie (fast) täglich. Auf ihrer Website http://digiwis.de bloggt sie zu ihren Tätigkeitsschwerpunkten.
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6 Antworten auf Google Book Settlement ist gescheitert – wie geht es mit großen Digitalisierungsprojekten weiter?

  1. Max Franke sagt:

    Ich habe sehr große Zweifel, dass Libreka und Konsorten eine entsprechende marktrelevante Initiative auf die Beine stellen können.

    Wenn ich mir das Gehampel bei DRM, dem Pricing von eBooks etc. angucke, scheint es, dass so mancher die Digitalisierung erst begreifen wird, wenn der eigene Untergang unumkehrbar ist.

    Statt selber Innovationen hervorzubringen, werden von den meisten etablierten Spielern lieber alle Ressourcen darauf verwendet, die Zeit anzuhalten und neue Player wie Google zu bekämpfen. Vorzeichen aus Übersee (z.B. Self-Publishing) sollte es genug geben, um endlich aufzuwachen.

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  4. Andrea Kamphuis sagt:

    Irgendwie muss ich bei Google Books vs. Europeana/DDB immer an die Sequenzierung des Humangenoms denken: Damals hat ein riesiges internationales Konsortium den Anfang gemacht, und Craig Venter ging es nicht schnell genug voran. Also hat er sehr, sehr viel Geld in die Hand genommen und sehr, sehr viele Sequenziermaschinen aufgestellt. Am Ende war das Genom schneller sequenziert als geplant, und Venter wurde durch massive Kritik dazu bewegt, seine Daten der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen – um die Geschichte mal arg verkürzt zu rekapitulieren.

    Von einer ähnlich fruchtbaren Konkurrenz sind wir bei der Bücherdigitalisierung in der Tat noch weit entfernt. Klotzen, nicht kleckern, liebes Europa!

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