Wofür können Wissenschaftler Web 2.0/Internet nutzen?

Heute bin ich auf ein Interview mit Jan Schmidt auf seine Homepage gestoßen, in dem er in Vorbereitung auf seine Teilnahme an der Konferenz „Öffentlichkeit, Medien und Politik – Intellektuelle Debatten und Wissenschaft im Zeitalter digitaler Kommunikation“ über seine Nutzung von Web 2.0-Tools berichtet.

Vor zwei Wochen wies ich in meinen Linktipps auf ein weiteres Interview mit einem Wissenschaftler – Christian Spannagel, Professor für Mathematik und Informatik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg –, der intensiv Social Web für seine Lehre nutzte, hin.

Nun möchte ich in diesem Blogpost einmal zusammenfassen, wofür Wisssenschaftler das Web 2.0/Internet nutzen können.

1. Online-Recherche von Literatur oder Quellen: natürlich steht dabei an erster Stelle die Online-Kataloge der Bibliotheken bzw. diverse Datenbanken. Zudem geht der Trend Richtung Open Data, also Daten im Netz zur freien Verfügung zu stellen.

2. Lehre: mittels Mailinglisten können Teilnehmer der Lehrveranstaltungen organisiert werden, Hinweise auf Literatur gegeben oder Diskussionen angeregt werden. Wikis können als Übersicht für Literaturhinweise, Begriffsdefinitionen, wichtige Links etc. genutzt werden.

3. Publizieren: zwei Möglichkeiten für das Publizieren bestehen. Erstens in Online-Fachzeitschriften, die besser und schneller aufzufinden und damit die Forschungsergebnisse weiter verbreitet werden. Zweitens in Blogs, um beispielsweise ein “research-in-progress” zu begleiten, Anregungen von anderen Wissenschaftlern zu erhalten und Journalisten auf die eigene Arbeit aufmerksam zu machen. Zahlreiche recht einfach zu handhabende Content-Management-Systeme wie WordPress bieten einen schnellen und einfachen Einstieg ins Bloggen.

4. Peer-Review: die Mehrzahl der Online-Zeitschriften bietet nicht nur die Möglichkeit, online seinen Beitrag einzureichen, sondern organisieren über das Internet auch den Peer-Review. Der Vorteil besteht in einem schnellen, globalen Zugriff auf den zu begutachtenden Artikel. Vor allem für internationale Zeitschriften bedeutet das eine Kosten- (Wegfall von Portogebühren) und Zeitersparnis (Anfrage per Mail, schnellere Zu- oder Absage). Zugleich bieten Systeme wie das Open Journal System auch eine integrierte Verwaltung der Gutachterdatenbank, auf die alle Redakteursmitglieder unabhängig zugreifen können.

5. Öffentlichkeitsarbeit: zwar spielen klassische Presse- bzw. Öffentlichkeitsarbeit noch eine große Rolle, wie die Studie „Wissenschaftskommunikation in Deutschland. Ergebnisse einer Onlinebefragung“ zeigte, jedoch nimmt die Pressearbeit über das Internet in ihrer Bedeutung stetig zu – sei es als Pressemitteilung in Presseportalen, über einen Twitteraccount, einem Newsletter oder Mailingliste, über Podcast, dem Blog oder einer Facebook-Seite/Account. Mit den neuen Medien gibt es mehr Varianten, seine Zielgruppe nicht nur direkter anzusprechen und Streuverluste zu vermeiden, sondern auch eine gezielte Rückmeldung, insgesamt einen intensiveren Kommunikationsaustausch zu erhalten.

6. Rennomee/Werbung: zwar geben es nur wenige Wissenschaftler öffentlich zu, aber Forschung und ihre Ergebnisse zu Publizieren bzw. mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren dient auch dem Aufbau eines Wissenschaftlerrufes. Bekanntheit stärkt nicht nur die inneruniversitäre Position, sondern hilft bei der Beantragung von Drittmitteln, Forschungsgeldern, beim Aufbau einer eigenen Schule oder um als Experte von Wissenschaftsjournalisten angefragt zu werten. Auch wenn in idealisierter Form Forschung immer für den guten Zweck betrieben werden soll, nützt Werbung/Rufaufbau viel, daß die Ergebnisse überhaupt wahrgenommen werden. Was nützt die beste Forschung, wenn sie kaum bekannt ist? Hier kann Twitter, Facebook oder Blogschreiben bzw. Beantworten von Fragen auf Quora dem Wissenschaftler nützlich sein, wobei gilt, zuerst Geben, dann Nehmen der bessere Weg ist.

7. Forschungstrends beobachten/Informationen finden: Forschung darf nicht im ohne Umweltbezug erfolgen. Forschung soll auch aktuelle Frage beantworten können. Daher ist es für Wissenschaftler wichtig, nach den Fragen der Öffentlichkeit zu schauen. Dabei helfen das Lesen von Blogs oder die Fragen in sozialen Netzwerken, diesen Fragen nachzuspüren. Twitter ist als Informationsquelle sehr gut geeignet, ebenso auch RSS-Feeds, um auf dem Laufenden gehalten zu werden.

8. Diskussionen führen: Diskurs ist ein essentieller Bestandteil wissenschaftlicher Arbeit. Früher auf Tagungen oder in Artikel- bzw. Rezensionschreiben geführt, können Diskussionen heute schneller und intensiver in sozialen Netzwerken oder – noch vielmehr – in Blogs geführt werden. Ebenso eignen sich Mailinglisten zu bestimmten Themen. Allen gemein ist der Vorteil der Schnelligkeit, Direktheit, kein Platzmangel und der Einbindung vieler Diskutanten.

9. globaler Speicherplatz: vor allem auf Reisen (Recherche, Archiv, Bibliothek, Tagungen) ist es wichtig, auf alle wichtigen Daten zugreifen zu können. Nicht immer möchte man dabei die gesamte IT-Ausrüstung mitführen oder kann es vielleicht auch nicht. Tools wie Dropbox helfen dabei, global auf den Speicherplatz zugreifen zu können oder auch Daten mit anderen zu teilen.

10. Kontaktaufbau: soziale Netzwerke wie Researchgate.net, Xing oder auch Facebook können für den Aufbau von Kontakten zu anderen Wissenschaftlern, aber auch Verlagen, Bibliotheken oder Journalisten genutzt werden, um so das Netz weiterauszubauen. Dieses Netzwerk kann man dann für Informationen, Hilfestellungen, Austausch, Diskussionen, Akquirierung von Gutachtern etc. nutzen. Dabei wird die Wahrnehmung der Person gestärkt.

11. Teeküche: informelle Informationen, auch Gerüchte genannt, werden offiziell gerne verpönt, jedoch inoffiziell gerne genutzt oder weitergegeben. Soziale Netzwerke sind auch Teeküchen, um sich virtuell zu treffen, Belangloses oder auch Privates auszutauschen und so die Bande zwischen seinen Kontakten zu stärken. Gleichzeitig erfährt man vielleicht wichtige Neuigkeiten wie Arbeits- oder Publikationsangebote. Was bis heute gerne in der Teeküche oder auf dem Institutsgang besprochen wurde, findet auch im Netz statt.

Welche Anwendungsmöglichkeiten fallen Ihnen ein? Was nutzen Sie und welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

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Über Wenke Bönisch

Wenke Bönisch arbeitet heute nach einer beruflichen Station in einem Wissenschaftsverlag (Autorenbetreuung, Satz und Social Media) als Freiberuflerin u. a. für den Ulmer Verlag (http://socialmedia.ulmer.de), für die Frankfurter Buchmesse sowie für den Digitalisierungsdienstleister Editura (http://editura.de) im Social Media Bereich. Neben Social Media beschäftigt sie sich mit den Themen elektronisches Publizieren, Wissenschaft, Open Access und Neue Medien. Zu ihren entsprechenden Projekten hält sie dazu auch Workshops, Vorträge und Seminare. Unter den Namen @digiwis (http://twitter.com/digiwis) twittert sie (fast) täglich. Auf ihrer Website http://digiwis.de bloggt sie zu ihren Tätigkeitsschwerpunkten.
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