Rezension von Geschichtsblogs und die Gefahr dabei

Ich bin erst heute über einen Tweet von @histnet auf die ganze “causa blogrezension”  gestoßen (vielleicht ist das Wort causa auch zu hoch gegriffen, jedoch schlug es doch schon einige Wellen). Das Experiment von Christian Jung auf Zeittaucher.de – ja, ich will es bewußt so nennen – ist schon spannend, zeigt aber die verschiedenen Sprachen, die von den Beteiligten gesprochen werden. Studienanfänger rezensieren Blogs. Rezensionen sind nicht gerade die einfachste Textsorte für Wissenschaftler. Denn sie bergen die Gefahr, schnell zu kritisieren ohne das entsprechende Wissen zu besitzen, erst recht für Studienanfänger, die – nach Lesen der Rezensionen – nicht immer wirklich eine gute (im technischen Sinne) Rezension ablieferten (fehlende Einordnung, fehlendes Wissen über das Wesen von Blogs etc.). Hier fehlte wohl schlicht einfach die Erfahrung. Dies soll keineswegs als Vorwurf an die Rezensenten gedacht sein, sondern ist als Feststellung zu werten. Mit Übung – und dies wurde von den Rezensenten indirekt auch bemerkt – werden die Rezensionen besser werden. Ich stimme den Beiträgen von Daniel Eisenmenger und Alexander König zu, die Kritik an der Art der Vermittlung von Web 2.0 in der Geschichtswissenschaft übten. Im Grunde wurden die Rezensenten ins kalte Wasser gestoßen. Ich hatte beim Lesen der Rezensionen und Kommentare nicht den Eindruck gehabt, daß sie besonders viel Übung und Kenntnisse über Blogs, Bloggen, die Bloggosphäre und Web 2.0 hatten. Die Rezensionen wurden klassisch geschrieben, gingen jedoch auf den spezifischen Charakter von Blogs wenig ein (z. B. Verlinkungen, Reichweite, Backlinks, SEO, WEb 2.0-Anbindungen, RSS-Feeds, Kommentarfunktionen etc.). Dies legte mir die Vermutung nahe, daß das Rezensionsschreiben über Blogs zu früh war. Vielmehr erschreckt mich jedoch die in den Kommentaren entstandene, hitzige Diskussion. Die zahlreichen Kommentare zeigen, daß die Leser von den Rezensionen bewegt waren. Viele der Anmerkungen waren emotional, darin typisch für aufbauschende Diskussionen. Absoulut bedenklich finde ich jedoch das Redigieren von Kommentaren durch Christian Jung. Als später dazu gestoßener Leser stören mich die Änderungen und Auslassungen gewaltig. Ich möchte mir meine eigene Meinung bilden. Sollten Kommentare absolut beleidigend sein, dann können diese natürlich nicht freigeschaltet werden. Jedoch scheint dies nicht in allen Fällen der Fall gewesen zu sein, wie Klaus Graf hinweist.  Zur Zeit ist das Kommentieren überhaupt nicht möglich (9.11.2010). Kommentieren ist (fast) ein zentraler Bestandteil von Blogs. In vielen Fällen entstehen durch die Kommentare neuer Inhalt. Natürlich ist es schwierig, emotionale Kommentare freizuschalten. Aber solange sie nicht absolut beleidigend sind, ist ein Redigieren ein “no-go”. Christian Jung hätte sie mit einem eigenen Kommentar moderieren können. Zudem zeigt er mit seinem Verhalten den Studenten exemplarisch, wie man es nicht machen sollte ;-).

Aber was zeigt uns dieses Experiment abstrahiert über Blogs in der Geschichtswissenschaft? Langsam werden sie wahrgenommen, jedoch gibt es eine tiefe Kluft zwischen den Sprachen der Studenten und den Bloggern. Die Zeit für Blogs als wissenschaftliche Notiz ist wohl noch nicht gekommen. Dafür werden sie noch zu wenig genutzt, noch zu sehr wird mit Maßstäben klassischer Publikationen an sie angegangen. Es zeigt, daß die Verwendung von “neuen Medien” noch viel stärker als bisher an den Universitäten gelehrt werden muß. Letztlich ist es eben auch eine Frage der Medienkompetenz.

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Über Wenke Bönisch

Wenke Bönisch arbeitet heute nach einer beruflichen Station in einem Wissenschaftsverlag (Autorenbetreuung, Satz und Social Media) als Freiberuflerin u. a. für den Ulmer Verlag (http://socialmedia.ulmer.de), für die Frankfurter Buchmesse sowie für den Digitalisierungsdienstleister Editura (http://editura.de) im Social Media Bereich. Neben Social Media beschäftigt sie sich mit den Themen elektronisches Publizieren, Wissenschaft, Open Access und Neue Medien. Zu ihren entsprechenden Projekten hält sie dazu auch Workshops, Vorträge und Seminare. Unter den Namen @digiwis (http://twitter.com/digiwis) twittert sie (fast) täglich. Auf ihrer Website http://digiwis.de bloggt sie zu ihren Tätigkeitsschwerpunkten.
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