„Der Bürger muß im Mittelpunkt stehen“ – Zur Lage öffentlicher Bibliotheken in Sachsen


Am 13. Oktober fand im Lipinski-Forum in Leipzig mit einer Podiumsdiskussion die Auftaktveranstaltung zu „Brauchen wir ein Bibliotheksgesetz – und wenn ja wie viele?“ der Arbeitsgemeinschaft für Bildung der SPD Sachsen statt. Das Thema der Diskussion, zu der unter der Moderation von Hassan Soihili Mzé (stellvertretender Vorsitzender der AfB) Waltraud Frohß, Leiterin der Landesfachstelle für Bibliotheken (Chemnitz) und Dr. Arne Ackermann, Direktor der Leipziger Städtischen Bibliotheken (LSB) sprachen, lautete „Die Kleinen und die Großen. Zur Situation der Öffentlichen Bibliotheken in Sachsen“. In seinen einleitenden Worten betonte Soihili Mzé die Rolle der Bibliotheken als Ort der Bildung und Integration und wies auf die aktuelle Diskussion zum sächsischen Kulturraumgesetz hin.

Als Leiterin der Landesfachstelle für Bibliotheken berichtete Frau Frohß über den Zustand, Entwicklung und Perspektive der über 200 städtischen und 330 Gemeindebibliotheken. Vor allem letztere werden von der Landesfachstelle durch Projekte intensiv betreut. Die Funktion und Aufgaben einer großen städtischen Bibliothek stellte Herr Dr. Ackermann als Direktor der Leipziger Städtischen Bibliotheken dar. Die Leipziger Bibliothek ist nach dem Zoo mit 1,5 Mio. realen und virtuellen Besuchen sowie 3,5 Mio. Entleihungen der 800.000 Medien die zweitbesucherstärkste Kultureinrichtung der Stadt.

Beide Fachleute betonten, daß jetzt die Situation noch gut ist, wiesen aber auf eine angespannte Zukunft aufgrund leerer kommunalen/städtischen Kassen hin. Bei der städtischen Bibliothek wird es sich im Personalabbau und niedrigeren Erneuerungsraten der Bestandsmedien auswirken. Bei Gemeindebibliotheken droht teilweise die komplette Schließung. Frau Frohß betont an dieser Stelle, daß sie sich über jede Gemeinderatsentscheidung freut, die mit der Finanzierung einer halben Fachkraftstelle sich für einen Minimalbetrieb einer Bibliothek entscheiden. Auch wenn die großen städtischen Bibliotheken in Chemnitz, Dresden und Leipzig die Einsparungen spüren, so hat solch eine Zukunftsperspektive vor allem für die kleinen städtischen oder Gemeindebibliotheken verheerende Folgen. Denn drohende Schließungen bedeuten vor allem auf dem Land, daß ein Teil der Bevölkerung vom unmittelbaren, einfachen Zugang zu Bildung ausgeschlossen wird. Denn wo sonst, als in einer öffentlichen Bibliothek, hat jeder unabhängig von Einkommen, Herkunft und Elternhaus die Möglichkeit, an wissens- oder unterhaltungsvermittelnde Medien günstig heranzukommen, wo sonst können Projekte zu Medienkompetenz – vor allem für Kinder – veranstaltet werden?

Warum droht solch eine Situation? Ein Bündel an Faktoren bildet die Ursache. Zum einen nehmen viele Kommunen aufgrund der Finanzkrise weniger Gewerbesteuereinnahmen ein, mit denen u. a. Bibliotheken finanziert werden. Zum anderen werden die Landesbühnen Sachsen in Radebeul bald durch den Kulturraum mitfinanziert. Der dritte Faktor liegt in der Definition des Kulturraumgesetzes selbst. Es ist den Kommunen selbst überlassen, welche Kultureinrichtungen durch das ihnen durch das Kulturraumgesetz zugewiesene Geld finanziert werden. Dies kann eine Heimatstube, eine Theatergruppe, ein Museum oder eben eine Bibliothek sein. Nun ist eben eine Bibliothek nicht nur eine Kultur-, sondern vor allem auch eine Bildungseinrichtung. Hier liegt die Krux in der Sache für die Bibliotheken. Sie werden als Kultureinrichtung durch das Kulturraumgesetz definiert, obwohl sie in erster Linie eine Bildungseinrichtung sind.

Angesichts der Tatsache, daß 75 bis 80 Prozent der Gelder für Personal benötigt wird, muß die Frage gestellt werden, wie diese Problematik gelöst werden kann. Hier kam in der Diskussion die Frage nach dem Ehrenamt als Lösungsmöglichkeit auf. Frau Frohß wies in ihrer Antwort auf die Ambivalenz in der Situation hin. Ehrenamtliche Personen müssen einerseits geschult werden, andererseits stellt sich dann die Frage, wieso man noch ausgebildete Bibliothekare benötigt, wenn man durch das Ehrenamt das Problem lösen könnte. Sie sprach sich für eine Unterstützung bei der Bibliothekarsarbeit durch Ehrenämter aus (Vorleseveranstaltungen), lehnte aber eine vollständige Übernahme aller Bibliothekarsarbeiten durch Ehrenämter ab.

Für die Gesamtlösung des Problems kann aus Sicht der öffentlichen Bibliotheken nur eine Festschreibung ihres Betriebes als kommunale Pflichtaufgabe gelten, die auch eine Definition der Bibliothek als Bildungseinrichtung enthält. An dieser Stelle wurde in der Diskussion der Ruf nach einem Bibliotheksgesetz laut. Dies ist eben eine Aufgabe der Politik, unabhängig politischer Couleur. Denn – so der treffende Abschlußsatz von Frau Frohß – der Bürger muß im Mittelpunkt stehen.

Insgesamt war die Podiumsdiskussion erstaunlich sachlich-informativ, was auch an der angenehmen parteipolitisch zurückhaltenden Moderation lag. Das Podiumsgespräch wurde aufgezeichnet und steht zum Nachhören als Podcast zur Verfügung. U. a. mit einem Gespräch zur Situation der wissenschaftlichen Bibliotheken in Sachsen wird die Diskussionsreihe im nächsten Jahr fortgesetzt. Es bleibt zu hoffen, daß das Anliegen der Reihe in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert wird.

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Über Wenke Bönisch

Wenke Bönisch arbeitet heute nach einer beruflichen Station in einem Wissenschaftsverlag (Autorenbetreuung, Satz und Social Media) als Freiberuflerin u. a. für den Ulmer Verlag (http://socialmedia.ulmer.de), für die Frankfurter Buchmesse sowie für den Digitalisierungsdienstleister Editura (http://editura.de) im Social Media Bereich. Neben Social Media beschäftigt sie sich mit den Themen elektronisches Publizieren, Wissenschaft, Open Access und Neue Medien. Zu ihren entsprechenden Projekten hält sie dazu auch Workshops, Vorträge und Seminare. Unter den Namen @digiwis (http://twitter.com/digiwis) twittert sie (fast) täglich. Auf ihrer Website http://digiwis.de bloggt sie zu ihren Tätigkeitsschwerpunkten.
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5 Antworten auf „Der Bürger muß im Mittelpunkt stehen“ – Zur Lage öffentlicher Bibliotheken in Sachsen

  1. Zum Thema öffentliche Bibliotheken ein interessanter Podcast auf SWR2: Bastionen der Gutenberg-Galaxis von Adolf Stock http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/kontext/-/id=4352076/did=6867188/pv=mplayer/vv=popup/nid=4352076/1effzv7/index.html

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